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In den Flammen des Digitalen
Was hinterlassen uns Dichter, wenn sie ihre Manuskripte
nur mehr auf dem Computer schreiben?
Von Norbert Kron
Bei einem sommerlichen Abendessen, in einem Vorort Münchens, saßen
die Schriftsteller Bernhard Schlink, Dagmar Leupold und Uwe Timm zusammen
und gaben beim Tischgespräch den Anwesenden Einblick in ihre Arbeitsweisen.
Während der eine die gründliche Planung eines Romanvorhabens
und die andere die gleichzeitige Arbeit an mehreren Texten pries, stimmte
Uwe Timm mit blitzenden Augen das Lob der Löschtaste an. Wenn er
einen neuen Roman nicht in den Griff bekomme, sei es das Befreiendste
und Beflügelndste, das Geschriebene mit einem Tastendruck vom Computer
ins Datennirvana zu befördern - um mit entleerter Festplatte und
unbelastetem Geist von vorn zu beginnen.
Das Leuchten, das in den Augen des Schriftstellers zu sehen war: Es
schien ein Abglanz jener Manuskriptverbrennungen, die bei Dichtern früherer
Zeiten geradezu ein Ritual ihres Berufsstandes waren. Würde der Mut
zum Loslassen angesichts der Fülle mittelmäßiger Bücher
auch manchem Vielschreiber gut anstehen, so fehlt dem digitalem Autodafé
heute doch entschieden der Reiz künstlerischer Selbstinszenierung,
von dem andere Epochen, gestützt auf einen romantischeren Dichterbegriff,
zehrten. Der junge Goethe etwa ließ in Sturm-und-Drang-Pose manch
mißlungenes Machwerk, das eines Originalgenies unwürdig war,
in Flammen aufgehen - und noch die Bohèmiens des Fin de siècle
kannten den lustvoll-defätistischen Akt der Manuskript-Auslöschung,
und sei es nur wegen des puren Brennwerts der Seiten. “Wie schön
ist es, in lodernden Flammen zu vergehn” singen Rudolf und seine
verarmten Künstlerkollegen in Puccinis “Bohème”
und reiben sich die Hände am Ofen warm, nachdem sie angesichts eisiger
Temperaturen in ihrem Loft das “hohle, vergängliche Drama”
des Dichters ins Feuer geworfen haben.
Wie unprätentiös postmodern nimmt sich dagegen der Druck auf
die Delete-Taste eines Computers aus! Deutlich weist er auf den Verlust
der Aura des Geschriebenen hin - und wirft damit eine viel grundsätzlichere
Frage des Computerzeitalters auf: Was hinterlassen zeitgenössische
Schriftsteller der Nachwelt außer den gedruckten Büchern? Welche
Originalzeugnisse ihres literarischen Schaffens bleiben zurück, wenn
ihre Manuskripte und Briefe nicht mehr handgeschrieben sind, sondern bloßes
digitales Schriftgut?
Für Philologen aller Zeiten war es selbstverständlich, bei der
späteren Aufarbeitung von Texten an deren Quellen zu gehen, an die
Ursprungsmanuskripte, die noch die Handschrift ihres Entstehungsprozesses
aufweisen. Sie zusammenzutragen, aufzubewahren und auszuwerten, gehört
zu unserem grundlegenden Verständnis von Schriftkultur. Die Idee
des Archivs ist unmittelbar mit unserem Kulturbegriff verknüpft.
Im “Schillerjahr” wird das besonders augenfällig - ist
doch aus dem Marbacher Nationalmuseum, das dem schwäbischen Klassiker
gewidmet ist, das wichtigste Deutsche Literaturarchiv erwachsen, ein Schriftspeicher,
der gleichsam das Gedächtnis der neueren deutschen Literatur darstellt.
Deren Gedankengut und Sprache lassen sich hier in den Nachlässen
der wichtigsten deutschen Schriftsteller gleichsam im Keim besichtigen
- von Schiller und Hans Grimm bis Döblin und Celan. Als Papierarchiv
sammelt das Marbacher Institut die Schaffenszeugnisse traditionell in
Holzkästen: Ein durchschnittlicher Nachlass umfaßt bis zu 60
Kästen, bei Goethe sind es 480.
Der Leiter der Handschriftenabteilung, Jochen Meyer, weiß, daß
sich mit dem Aufkommen neuer Medien ein gewaltiger Umbruch vollzieht.
“Schon das 20. Jahrhundert ist davon durchzogen”, erzählt
er und verweist auf den sukzessiven Wandel, den Schreibmaschine, Fax und
Computer bewirkt haben. Doch wenn Autoren heute überwiegend auf Notebooks
schreiben, wenn sie nicht nur ihre Werke als Dateien abliefern, sondern
auch ihre literarischen Briefwechsel per Email abwickeln, dann gibt es
kein ‘Manu-Skript’ im Wortsinn mehr, dann ist aus dem ‘Autographen’,
dem handschriftlichen Garanten von Autorschaft, ein austauschbarer Computer-Print
geworden.
“Was als Papier herauskommt, sind ziemlich öde Ausdrucke”,
sagt Meyer. Und obgleich er weiß, daß Autoren wegen der Schnelligkeit
der Kommunikation “mindestens soviele Mails wie Briefe schreiben,
gehen eben viele Korrespondenzen verloren.” Bahnt sich da mehr an,
als daß Philologen ihrer Quellen verlustig gehen? Bedeutet das nicht
auch einen grundlegenden Wandel im Verständnis unserer Schriftkultur,
ein Wegbrechen eines Fundaments, auf das wir zurückzugreifen gewohnt
waren?
Der Berliner Schriftsteller Michael Lentz, geboren 1964, bestätigt
den Verlust als einen, den er am eigenen Leib erfährt. “Ich
interessiere mich für Nachlässe. Ich suche und finde gern etwas.
Da kommen, wie Schiller sagt, Form- und Spieltrieb zusammen.” Für
den 40-Jährigen, der mit der Computerisierung der Welt groß
geworden ist, ist die Auseinandersetzung mit der Tradition eine unmittelbare
Voraussetzung des eigenen literarischen Schaffens. “Eine Handschrift
ist eine Kennung, ein Ausweis, ein Biorhythmus” - während der
Schreibakt auf dem Notebook zur “Entfremdung, Enteignung”
gerät.
Lentz, der den Bachmannpreis für eine Prosaerzählung gewann,
ist ursprünglich Lyriker - einer, der das Sprachmaterial nicht nur
als Werkzeug benutzt, sondern in seiner Eigenqualität zum Sprechen
und Tönen bringt. Nicht nur seine Gedichte - die meisten seiner Texte
schreibt er zunächst mit der Hand und transkribiert sie erst danach,
begleitet von einem ersten Korrekturprozeß, in seinen Laptop. “Die
mechanistische Anstrengung beim Schreiben mit der Hand ist größer
- so bekommt die inhaltliche Bewältigung des Textes ein körperliches
Gegengewicht.”
Lentz ist ein Ausnahmefall unter den jüngeren Autoren. Im allgemeinen
sind es eher die Autoren der älteren Generation, die sich der Digitalisierung
ihrer Kunst widersetzen. So hat der Amerikaner Don DeLillo dem Computer
stets eine Absage erteilt, weil der Schreib-Widerstand und Klang einer
mechanischen Schreibmaschine seiner Arbeit einen Rhythmus verleihe, wie
sie die weiche, gleichförmig klackernde Computertastatur nicht biete.
Und Günter Grass bevorzugt bis heute sein Stehpult, weil er sein
Schreiben in unmittelbarer Verbindung zu seiner bildnerischen Arbeit betreibt
und zuweilen sogar Zeichnungen direkt in die Manuskripte einfügt.
Die zu Papier gebrachte Endfassung eines Buchs erscheint dann gelegentlich
als Faksimile.
Und doch haben auch viele Schriftsteller, die ihr Handwerk vor Anbruch
des Computerzeitalters gelernt haben, die Vorzüge digitaler Textprogramme
zu schätzen gelernt. Sten Nadolny etwa. Der Autor der “Entdeckung
der Langsamkeit” sammelt zwar sein Stoffmaterial zunächst in
Zettelkästen - schreibt dann aber “ausschließlich mit
dem Computer. Ich drucke mir alle zwei-drei Tage die so entstandene erste
Textfassung aus, korrigiere sie von Hand, übertrage die Korrekturen
wieder in den Computer.”
Entdeckung der Schnelligkeit? Im Gegenteil: Das technische Medium ist
für ihn das perfekte Mittel jenes langwierigen Häutungsprozesses,
den literarisches Schreiben bedeutet, eine schonungslose 'Text-Verarbeitung',
bei der sich nach und nach der endgültige Text herausschält.
“Für solche radikalen Eingriffe oder Umstellungen eignet sich
der PC sogar besonders gut.”
Was die Nachwelt angeht, weist Nadolny mit verschmitzter Bescheidenheit
alle Verantwortung von sich: “Wozu soll ich die Manuskripte aufheben?
Ich bin einfach nicht der Typ, der die eigene Person für eine Nachwelt
konservieren und archivieren möchte.” Auch diesen Typ Autor
hat es freilich immer gegeben, und selbst manch moderner Klassiker ist
nur gegen seinen eigenen Willen überliefert wie im Fall Kafkas. Bei
Nadolny ist es die Computertechnik, die die Rolle des Nachlassretters
à la Max Brod übernimmt und für eine unbeabsichtigte
Archivierung des Geschriebenen sorgt. “Ich speichere Email-Briefwechsel
nicht bewußt ab, mein Computer tut es automatisch. Ich nehme mir
immer wieder vor, das meiste Zeug zu löschen. Aber das Löschen
ist mühsam und die Aufnahmefähigkeit meiner Festplatte offenbar
unbegrenzt.”
Auch wenn die Aura des Geschriebenen auf diese Weise verloren gehen mag:
Daß Editionsphilogen bald ihre Arbeitsplätze verlieren und
die Literaturarchive wie die Polarkappen schmelzen, steht nicht zu befürchten.
Im Gegenteil, die hinterlassene Datenmasse wird eher zunehmen. Jochen
Meyer sieht das Problem denn auch darin, dem technischen Fortschritt und
der permanenten Erneuerung der Speichermedien standzuhalten. Während
"Schrift auf Papier für wenigstens 800 Jahre gesichert war”,
sind manche elektronischen Speicher schon nach fünf Jahren überholt.
Die künftigen Herausgeber historisch-kritischer Ausgaben werden daher
Computerexperten sein müssen, philologische Lumpensammler, die mit
präzisem Know-How das Innere der Festplatten nach geheimen Textresten
durchleuchten, nach Email-Abfall, Manuskript-Back-Ups und temporären
Dateien von Abenden im Internet.
Gut möglich, daß so dem konkreten Notebook eines Dichters einmal
ein ebenso auratischer Erinnerungswert zukommt wie Goethes Schreibtisch
in Weimar. Abgenutzte Tasten, blankgewienerte Handballenauflagen, die
Reste eines umgeschütteten Kaffees, der sich bei der Arbeit über
das Tastenfeld ergoß: Während der geschriebene Text selbst
nur mehr eine technisch produzierte Datenmenge ist, wird dem Arbeitsgerät
die Handschrift des Dichters eingeschrieben sein, die Dateireste und Gebrauchsspuren,
in denen ein ganzer Schreibabschnitt eines Autorenlebens nachzulesen sein
wird. Das Gerät selbst, die technische Maschine wird somit zur Insignie
des Auratischen. Und mehr als das: zum eigenen Archiv. Im Notebook fallen
Medium, Manuskript und Archiv in eins.
Es sei denn, versteht sich, Autoren machen allzu regen Gebrauch von der
Lösch-Taste - oder ein Virus macht die Festplatte unlesbar. Dann
gerät den Exegeten das Notebook zur absoluten Metapher eines literarischen
Schaffens, das geheimnisvoll und unzugänglich ist wie der Aschehaufen
eines verbrannten Manuskripts. Michael Lentz könnte seinen Verehrern
dereinst solch eine Reliquie hinterlassen - hat er doch am Tag, als das
Gespräch zu diesem Artikel stattfindet, wie er es nennt: seinen Laptop
"ermordet". Ein Aggressionsanfall führte dazu, "es
dem Notebook mal zu zeigen" - worauf die Textdaten im Plastikgehäuse
versanken wie ein unhebbarer Schatz am Meeresgrund.
Doch Lentz hat vorgesorgt und vor kurzem ein ganz klassisches Archiv angefangen:
In Metallcontainern sammelt er Hängemappen mit seinen handschriftlichen
Manuskripten. Daß der Wert solch aufbewahrter Autographen im Zeitalter
der allgemeinen digitalen ‘Textverbrennung’ steigt, liegt
auf der Hand. Je knapper das Angebot an Orginalen ist, desto höher
der Marktwert und die Aura, die von ihnen ausgeht.
Das zeigt schon der Fall Schiller. Da von Schiller nur wenig Handschriftliches
überliefert ist - eine Vielzahl von Briefen, aber so gut wie keine
Werkmanuskripte -, erzielt ein Blatt mit zwei Gedichten bei einer Auktion
schon mal das Fünffache seines Schätzwerts: 190.000 Euro. Aber
das ist noch nichts gegen die schauerlichen Blüten, die die Schiller-Mania
im 19. Jahrhundert trieb. Damals waren seine Handschriften unter Soldaten
so begehrt, daß sie in zerkleinerten Teilstücken verkauft wurden.
Die, die glücklich teilhaben konnten an einem Originalfederstrich
des Klassikers, steckten sich diesen unter ihren Rock, um so, mit Dichters
Wort auf nackter Brust, ins Feld und in den Tod zu ziehen.
Mag das Computerzeitalter auch unserer Schriftkultur einen Teil ihrer
einstigen Authentizität rauben: Man darf es als Glück ansehen,
daß eine derartige Heroisierung des Dichterworts mit Computerausdrucken
nicht zu erwarten ist.
(Erschienen in "Die Welt" am 7.1.2006)
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