|
DIE BESCHRIFTUNG DER BILDER
Zur Poetik von Don DeLillos Unterwelt
von Norbert Kron
Welch zentrale Rolle in Don DeLillos Werk die Macht der Bilder in der
Gesellschaft an der Jahrtausendschwelle einnimmt, beweist eindrucksvoll
ein neues Drama des Schriftstellers, der seit langem zu den bedeutendsten
Nordamerikas zählt. In seinem Ende Januar uraufgeführen Stück
Valparaiso wird der Held von den Kameras der Bildreporter bis
ins letzte Detail seiner Biographie 'durchleuchtet', was ihn, weil er
dabei alles aus seinem Leben preisgibt, im Wortsinn das Leben kostet.
Eine finale Talk-Show wird für ihn zum jüngsten Gericht im Scheinwerferlicht
- und daß dieses ihn im Ort Valparaiso in Chile ereilt, dem Geburtsort
des Diktators Pinochet, läßt nur einen Schluß zu: Der
Held wird von den Fernsehinterviewern zu Tode gefoltert, das Individuum
durch die Massenbilder ausgelöscht.
Das kritische Verhältnis zum Bild,
das der Schriftsteller in seinem Werk pflegt, findet die konsequente Fortsetzung
in seinem Leben. Als Don DeLillo Ende vergangenen Jahres in Deutschland
war, um die Übersetzung seines epochalen Romans Unterwelt
vorzustellen, gestattete er weder Fotos noch Filmaufnahmen während
seiner Lesungen. Selbst für jene offiziellen Portraits, die auf den
Ausgaben seiner Bücher oder bei Rezensionen in der Zeitung abgebildet
sind, stand er nur einer Handvoll ausgewählter Fotografen zur Verfügung.
Don DeLillo gehört in die Reihe der großen Unbekannten der
Weltliteratur, die, wie Thomas Pynchon und J.D. Salinger, die Öffentlichkeit
meiden. Er gibt keine Statements zu Ereignissen der Zeitgeschichte ab,
er zeigt sich nicht bei gesellschaftlichen Veranstaltungen, und er absolviert
schon gar keine Auftritte vor laufender Kamera. Die Literatur ist seine
Form öffentlicher Stellungnahme, und hinter ihr hat, seiner festen
Überzeugung nach, die Person des Autors völlig zurückzutreten,
da sie sonst, wie der Held in Valparaiso , medial zerfleddert
wird.
Umso bedeutungsvoller ist es, wenn der
Schriftsteller sich doch einmal einem Interview stellt - wie nach der
Präsentation von Unterwelt in Berlin. Don DeLillo hat selbst
über die "beunruhigende Macht" geschrieben, die solch eine persönliche
Begegnung mit einem zurückgezogen lebenden Autor ausübt, eine
"Fremdartigkeit, die vom Anblick eines Mannes ausging, der (...) jahrelang
nur in Form von Worten existiert hatte". In seinem vorherigen Roman
Mao II ließ er ausgerechnet eine Fotografin diese Art Aura
empfinden: "die Macht eines Körpers im Raum". Doch beim Gespräch
in Berlin ist wieder einmal keine Kamera gestattet - was die machtvolle
Gegenwart DeLillos umso doppeldeutiger und paradoxer macht, als das Interview
für eine Fernsehsendung gedacht ist. Das auf Tonband aufgezeichnete
Gespräch soll Eingang in eine Buchbesprechung finden, die in einem
Kulturmagazin ausgestrahlt wird.
Schon diese Situation verdeutlicht, daß
DeLillos Kritik des Bildes nicht apodiktisch, nicht eindeutig ist. Eine
tiefgreifende innere Ambivalenz ist es vielmehr, die seine persönliche
Einstellung zum Bild prägt und den dauerhaften Antrieb zur literarischen
Auseinandersetzung mit dem Thema auslöst. Oder wie DeLillo im Interview
erklärt: "Ich bin keiner dieser Schriftsteller, der sich im Konkurrenzkampf
mit den visuellen Medien sieht - absolut nicht. Ich liebe Filme, sehe
mir sehr gern Fotografien an - und ich benutze diese Dinge in meinen Büchern,
weil sie uns überall in unserer Kultur umgeben. - Wir sind bis zu
einem ziemlich bedeutsamen Grad von Bildern geformt."
Visuelle Unterwelt
Die Kritik hat anläßlich des Erscheinens von Unterwelt
immer wieder die drei großen manifesten Themen herausgestellt,
die Don DeLillo in seinem Panorama des kalten Krieges erzählerisch
entfaltet - Baseball, Atombombe, Müll -, doch dabei überging
sie, daß diesen ein viertes (sich durch das ganze Buch ziehendes)
Hauptthema unterlegt ist, auf dem die drei anderen basieren. Denn nicht
nur DeLillos Erzählweise in Unterwelt ist, wie die Frankfurter
Allgemeine Zeitung feststellte, "filmisch auf eine Weise, die den
Film in seine Schranken weist". Dies filmische Erzählen, mit seinen
"Zooms und Close-Ups, Standbildern und langen Einstellungen, harten Schnitten
und wirbelnden Überblendungen" ( Die Tageszeitung ), korrespondiert
mit einer durchgängigen Thematisierung von Film und anderen visuellen
Medien. Sie bilden eine inhaltliche 'Unterwelt' des Textes, die DeLillo
als parallellaufende Subgeschichte zu den drei anderen Themen entfaltet:
eine Geschichte der Bildmedien in der Zeit des kalten Krieges.
"In Unterwelt ", bestätigt
DeLillo im Interview, "gibt es eine riesige Zahl solcher Dokumente: Fernsehshows,
Fotos, Filme. Ich beschreibe vollständige Filme. Warum? Weil ich
das Bedürfnis verspürte, das Gewebe des Lebens so zu gestalten
(to create the texture of life), wie wir es erfahren - und ich glaube
nicht, daß man das ohne ernsthafte Betrachtung dessen kann, worauf
wir schauen... Werbung, Plakate, Fernsehen, all das". Daß damit
nicht nur ein kulissenhaftes Setting angesprochen ist, eine Art visuelles
"Weißes Rauschen" (so der Titel eines DeLillo-Romans von 1984),
sondern daß hier eine Programmatik für Unterwelt
skizziert wird, zeigt ein Kapitel im vierten Teil des Romans, das gleichsam
den Scheitelpunkt des Buches bildet. In der Mitte der Ereignischronologie
beschreibt DeLillo ausführlich einen Film von Sergej Eisenstein,
der selbst den Titel Unterwelt trägt - und den er für
den Roman erfunden hat.
Wenn DeLillo den angeblich verschollenen
Stummfilm bei seiner Uraufführung schildert - aus der Perspektive
einer seiner Hauptfiguren, die selbst Malerin und Bildhauerin ist -, verleiht
er dem Kunstereignis eine auratische Dimension: "Der Film umhüllte
sie in all seinen Fetzen und Windungen. Sie hatte ein Gefühl, als
trüge sie statt Rock und Bluse den Film." Inhaltlich reflektiert
der Film den Roman, indem er das Motiv von der atomaren Bedrohung der
Menschen und ihrer Verwendung als Testpersonen aufnimmt. Und auch formal
scheint der Film eine ähnliche "Politik der Montage" zu verfolgen
wie DeLillos Erzählweise, die sich weniger an die Ereignischronologie
oder an die Figurenbiographien hält als an die spannungsvollen Bezüge
der Hauptthemen: "Argumente werden angesprochen und ausgeführt, Theorien
ziehen über die Leinwand und zerschellen augenblicklich - es gibt
eine Menge Gegensätze und Konflikte." Ohne Zweifel ist der fiktive
Eisenstein-Film eine mise en abyme (André Gide) von Unterwelt
, eine innere Widerspiegelung des Romans im Medium Film.
Literatur am Ende der Gutenberg-Galaxis
Schon der erste Satz von Unterwelt betont demonstrativ die
Bedeutung des Visuellen im Roman (freilich nicht ohne eine Vorbedingung
des Sprachlichen an sie zu knüpfen): "Er spricht wie du, mit amerikanischer
Stimme, und in seinen Augen liegt ein halbwegs hoffnungsfroher Schimmer."
Wo eine sprechende Figur derart mit dem Leser identifiziert wird, wo ihr
Sprechen so deutlich im Kulturraum Amerikas situiert wird, der das Thema
des Romans bildet, und wo ihr schließlich eine visionäre Perspektive
zugeschrieben wird - da steht außer Frage, daß dieser Satz
mehr als nur die Einführung einer Figur ist: die komprimierte Ankündigung
eines Romanentwurfs, eine Poetik im Miniaturformat. Ist hier, anstelle
von einer Person des Romans, nicht die Rede von der, die diesen entwirft:
dem Erzähler?
Von Anfang an steht das Schreiben für
Don DeLillo im Zeichen der ihn umgebenden Bildmedien. Jahrgang 1936, in
der Bronx aufgewachsen, erfährt der Zwanzigjährige als seine
entscheidenden Bildungserlebnisse die abstrakte Malerei und den Jazz -
sowie den europäische Film im Umfeld der Nouvelle Vague, deren Filme
er mit Freunden quer durch die Programmkinos von New York verfolgt. Heute
betont DeLillo, dies habe seine Person mehr geprägt "als alles, was
ich las".
Für eine Werbeagentur verfaßt
er ein paar Jahre lang Texte zu Reklamen - bis er den Job schmeißt
und 1971 seinen ersten Roman veröffentlicht, Americana :
ein Buch über Amerika im Spiegel von Film und Fernsehen. Der junge
Protagonist des Romans hat bei einem TV-Sender eine Bilderbuchkarriere
gemacht - doch dann klinkt er sich auf einer Produktionsreise aus der
Gesellschaft aus und dreht auf eigene Faust einen solipsistischen Dokumentarfilm,
bei dem er endlose, wirre, pseudoauthentische Monologe mit seiner 16mm-Kamera
aufzeichnet. Es ist, als müsse er sich durch die ganze Zivilisation,
die durch die 'Firma Fernsehen' verkörpert wird, mit seinen Filmaufnahmen
zurückarbeiten, als wolle er sich all die amerikanischen Träume
und Alpträume in Form der endlosen Meter Film von den Gliedern abziehen,
um, derart gehäutet, zu einer letztlich gescheiterten, aber ursprünglichen
Person zu werden.
Schon diese Geschichte eines Ausstiegs aus der Zivilisation, die DeLillo
in seinem ersten Roman schildert, basiert also auf einer ambivalenten
Einstellung zum Bild: Der systemgewordene Film, das Fernsehen, steht der
individuellen Ausdrucksform Film gegenüber, die der Autor sich erzählerisch
aneignet. Americana ist damit auch der Auftakt zu einer Reihe
von Büchern, in denen DeLillo - bis hin zu seinem neuen Theaterstück
Valparaiso - in die Rolle von Bilderproduzenten oder -rezipienten
schlüpft: Da ist die Fotografin in Mao II , die fernsehbesessene
Großfamilie in Weißes Rauschen oder der Kennedy-Attentäter
Lee Harvey Oswald, der in Sieben Sekunden vor laufenden Kameras
erschossen wird.
In Unterwelt gibt es gar ein
umfangreiches Personal solcher Figuren. Miles, der Filmfreak und Dokumentarfilmer
in spe, Matt Shay, der Aufnahmen von Atombombentests sichtet, Ismael Munoz,
der Graffitisprayer - und natürlich Klara Sax, die bildende Künstlerin.
Daß im Grunde jede Figur mit der Bildthematik verknüpft ist,
liegt daran, daß DeLillo den zeitlichen Bogen von Unterwelt
von vornherein als genau denjenigen anlegt, der vom Einzug des Fernsehens
in den Haushalten bis zu dessen gesellschaftlicher Omnipräsenz reicht.
Die Handlung beginnt in der frühen Bronxzeit, 1951, als die Mutter
der Hauptfigur, die "kein Fernsehen im Haus haben" will, von ihrem Chef
gesagt bekommt: "Sie müssen es haben. Die Kinder müssen es haben.
Fernsehen ist einfach etwas, das man haben muß"; und sie endet in
der Spätzeit der heutigen Bronx, eines Ghettos gesellschaftlich Ausgestoßener,
die sich, natürlich aus dem Müll der Konsumgesellschaft (genauer:
aus dessen "geologischer Schicht der Freizeitelektronik"), einen Fernsehapparat
gebaut haben: Schlußstrich unter der Ära medialer Abgeschnittenheit,
da "es kein Fernsehen gab. Nun ist es plötzlich da. Man drückt
einen Knopf, und all die Dinge, die einem seit Jahrhunderten verborgen
waren, fliegen in die abgelegenste Hütte. Eine Epidemie des Sehens.
Kein vorstellbarer Rückzugsort bleibt unerfaßt".
Keine Frage, Don DeLillos Werk ist, wie das kaum eines anderen Schriftstellers,
geprägt vom Bewußtsein jenes tiefgreifenden Kulturwandels,
der durch die Ablösung des federführenden Repräsentationssystems
Schrift durch das des reproduzierbaren Bilds vollzogen wurde. Dieser 'Abschied
von der Gutenberg-Galaxis', der sich an der Schwelle der Moderne erstmals
in Nietzsches polemischen Frühschriften - über den "dionysischen"
Ursprung der Tragödie wie über Wagners "Gesamtkunstwerk" - anzukündigen
beginnt, nimmt zu Beginn des Jahrhunderts technische Gestalt an in den
neuen Medien Radio und Film, die in ihrer Geburtsstunde eine "chock"-hafte
Durchbrechung der literarisierten Welt darstellen. Deren erster Diagnostiker,
Walter Benjamin, erkennt den so eingeläuteten Paradigmenwechsel augenblicklich
als irreversiblen Prozeß, gegen den ein kulturkonservatives Zurückschrauben
der veränderten Wahrnehmungsbedingungen sinnlos wäre. "Die Schrift,
die im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes
Dasein führte, wird unerbittlich von Reklamen auf die Straße
hinausgezerrt." Benjamin, der revolutionäre Hoffnungen in die technisch
reproduzierbaren Medien setzt, plädiert für einen fröhlichen
Umgang mit der gesellschaftlichen Dezentrierung der Schrift: "Nicht weinen.
Der Unsinn der kritischen Prognosen. Film statt Erzählung." Doch
daß das neue Leitmedium nichtsdestoweniger, vom Rand her, beschrieben
werden muß, offenbart Benjamin mit seiner Filmtheorie. Und
auch mit welchem Rüstzeug dies angesichts der Obsoletheit kritischen
Sprechens möglich ist, wird dort deutlich: in literarischen Begriffen.
Wenn Don DeLillo den gesellschaftlichen
Raum, den er in seinem Buch absteckt, als allumfassenden Film beschreibt,
dann unternimmt er genau dieses Projekt: er 'beschriftet' die kinogewordene
Welt. Die Unterwelt seines Romans meint, in einem poetologischen
Sinn, zuletzt noch mehr als die Filmwirklichkeit, die in thematischer
Hinsicht der tiefere Träger der geschichtlichen Ereignisse der Nachkriegszeit
ist: sie meint die Literatur, die sie zum Sprechen bringt, selbst. DeLillo,
der sich selbst Filmbildern entzieht, gibt mit seinem Buch auch eine Antwort
auf die Frage, welche Rolle der Schriftsteller in der bilddominierten
Gesellschaft spielen kann.
Katholizismus und Idolatrie
Ein Priester ist es, der DeLillos männlicher Hauptfigur Nick Shay
in Unterwelt den prägenden Kernsatz mit auf den Weg gibt:
"Du weißt nicht, wie man hinsieht, weil du nicht weißt, wie
die Dinge heißen." In einer Besserungsanstalt für jugendliche
Straftäter haben Jesuiten den Teenager, der durch eine Bronxjugend
mit all den für sie typischen kriminellen Energien geprägt ist,
1955 unter ihre Fittiche genommen. In einem typischen Meister-Schüler-Gespräch
lehrt der Pater Nick Shay - in Abgrenzung gegen ein verständnisloses
Auswendiglernen abstrakter Gedanken - eine Art konkreten, dinglichen Schauens
und Verstehens, das unmittelbar an Sprache gebunden ist. DeLillo bestätigt:
"Eine Schlüsselszene des Buches ist die, als er mit dem jesuitischen
Priester in einem Raum sitzt und der Priester ihn auffordert, die Teile
seines Schuhs zu benennen. Das ist wichtig für Nick, der aus einer
Schicht stammt, in der niemand solche Dinge weiß. Denn es sagt ihm,
was er tun muß, um sich selbst neuzugestalten, um ein Mann in der
Welt zu werden. Es dreht sich alles um Sprache - vielleicht denkt er deshalb
wie ein Schriftsteller."
Kulturhistorisch ist die Problematik des
Bildes streng mit der religionsgeschichtlichen Auseinandersetzung um die
Idolatrie , die Bilderverehrung, verknüpft. Während
Islam und Judentum das Bild als Gegenstand religiöser Verehrung mehr
oder weniger kategorisch ablehnen, offenbart das Christentum eine stete
umstrittene Haltung, die im Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts
Ausdruck gefunden hat. Dessen entscheidender Streitpunkt ist, ob Ikonen
nur Darstellungen Gottes sind und somit allenfalls Gegenstand einer Ehrenbezeigung
werden können, während die Anbetung allein Gott gebührt
(so die Ikonoklasten ) - oder ob sie, als Verkörperung göttlicher
"Realpräsenz", selbst angebetet werden dürfen und, zugespitzt,
Gott ersetzen ( Ikonodulen ). Gegen derlei Vergöttlichung
der Bilder setzen sich die Ikonoklasten schließlich durch - mit
der Zerstörung der Ikonen sowie der Folter und Hinrichtung ihrer
Anhänger.
Tatsächlich durchzieht Unterwelt
eine Subthematik des Religiösen, die, obgleich nicht so basal
wie die Bildthematik, dieser mehrfach als eine Art Referenzrahmen zugeordnet
ist. Das zeigt sich nicht nur in der obengenannten Schlüsselszene
- bei der DeLillo offensichtlich auch auf persönliche Erinnerungen
zurückgegriffen hat. Während seines Studiums der communication
arts an der Fordham University ist er als Zwanzigjähriger selbst
von Jesuiten unterrichtet worden. Und als Sohn italienischer Immigranten
wurde er nicht nur kathologisch erzogen; er schuldet diesem Katholozismus,
mit der Theatralität seiner liturgischer Rituale, sogar einige seiner
"wärmsten Kindheitserinnerungen" sowie, was sein schriftstellerisches
Werk angeht, einen "Sinn für die letzten Dinge" (so DeLillo in einem
früheren Interview). Auch die Nonne in Unterwelt , die in
den 50er Jahren eine von Nicks Schullehrerinnen in der Bronx war, geht
zumindest namentlich auf ein reales Vorbild aus DeLillos Kindheit zurück:
Schwester Edgar. Im Roman streift sie vierzig Jahre später in Begleitung
einer anderen Ordensfrau, Gracie, immer noch durch die Bronx, als eine
verbiesterte, ansteckungsparanoide Mutter Theresa, die den Schwachen und
Drogenabhängigen mit Latexhandschuhen unter die Arme greift. Als
das Fernsehen in die Trümmerwelt einzieht, "mißbilligt" sie
das als Verlust eines der wenigen "unerbittlichen Gnadenerweise" des Ghettolebens.
Doch ihre ablehnende Einstellung zum Bild schlägt um, als eines der
Ghettokinder, das Nomadenmädchen Esmeralda, vergewaltigt und ermordet
wird - und kurz darauf als Heiligenerscheinung auf einer Plakatwand Gestalt
annehmen soll.
"'Ich glaube, ich muß mir das einfach ansehen'", sagt Schwester
Edgar erregt. Ihre Kollegin Gracie beschwört sie, das zu unterlassen,
und weist sie explizit auf die doktrinäre Auslegung des zweiten Gebots
durch den Ikonoklasmus hin:
"'Bilder lügen (...). Betet keine Bilder
an, sondern Heilige.'" Aber Schwester Edgar läßt sich nicht
beirren:
"'Ich glaube, ich muß hingehen.'"
Die Erscheinung findet tatsächlich statt. Beide Nonnen werden, wie
eine Heerschar anderer Großstadtpilger, Zeugen, wie auf einer Plakatwand
im Scheinwerferlicht der Hochbahn Esmeraldas Gesicht für Sekundenbruchteile
zu sehen ist. Die Menge verfällt in orgastische Krämpfe, Frauen
recken dem Plakat ihre Babys entgegen, Schwester Edgar gibt ihre hochkultivierte
Weltfeindlichkeit auf und wird euphorischer Teil des bildergläubigen
Volkes.
"Das ist in den Vereinigten Staaten vorgekommen", erklärt DeLillo
im Gespräch: "Leute haben religiöse Bilder in völlig alltäglicher
Umgebung gesehen." Aber es ist mehr als böse Ironie, was der Autor
beim Aufgreifen neoreligiöser und esoterischer Strömungen im
Auge hat, in die der konsumwütige Individualismus des Spätkapitalismus
umschlägt: "In Pittsburgh haben Leute das Gesicht von Jesus in einer
Gabel voller Spaghettis auf einer riesigen Reklame gesehen - das war wohl
die Inspiration für Esmeraldas Gesicht auf dem Plakat einer Orangensaftwerbung."
Der Kern der religiösen Szene erweist sich
somit als untrennbar von seiner medialen Dimension. Daß die Heiligenerscheinung
auf einer Werbung erscheint - wie Schwester Edgars Ordenskollegin, die
skeptische Gracie meint: als durchschimmerndes Bild einer überklebten
Werbung, als Bild unter einem Bild -, offenbart, daß der ganze Heiligenkult
um Esmeralda gekoppelt ist an eine zeitgleiche, ja den Dingen vorgreifende
Medienberichterstattung. So wie die Ghettokids in der Bronx erleben, daß
sie, kaum haben sie ihren Fernseher installiert, durch Esmeraldas Tod
schon selbst Teil der CNN-Berichterstattung geworden sind (ihr Leben ist
"von innen nach außen gekrempelt"), so sind es die Spätnachrichten,
deren Bericht erst die übersteigerte Apperzeption des Phänomens
ermöglicht.
"'Das ist Sensationsmache. Die übelste Sorte Aberglaube, wie in
der Regenbogenpresse'", wettert Gracie. "'So werden Nachrichten dermaßen
mächtig, daß sie weder Fernsehen noch Zeitungen brauchen. Sie
existieren nur noch in der Wahrnehmung der Leute. Sie erfinden sie, das
ist stark genug, um als Wirklichkeit zu erscheinen. Das sind Nachrichten
ohne Medien."
Und obwohl Schwester Edgar, als sie Zeugin des
Phänomens wird, ihren Augen mißtraut und sich fragt, ob sie
Opfer einer Sinnestäuschung wird: "Erfinden sich die Nachrichten
selbst, auf den Augäpfeln laufender, sprechender Menschen?", ist
ihr Entschluß gegen alle Anfeindungen der Vernunft und des religiösen
Bilderverbots von Anfang an gefallen:
"Ich will es selber sehen."
Der innere Bilderstreit
Wenn der Epilog des Romans Esmeraldas Erscheinung als Medienphänomen
der 90er Jahre beschreibt, so steht ihr das Baseball-Finale aus dem Jahr
1951, dessen Erzählung den Prolog des Romans bildet, als historische
Antithese gegenüber. DeLillo entfaltet dieses legendäre Ereignis
der amerikanischen Sportgeschichte, das im siegbringenden Homerun von
Bobby Thomson gipfelt, auf sechzig Seiten als kleines Gesellschaftspanorama,
in dem nicht nur die verschiedenen sozialen Schichten ihren Platz auf
der Tribüne einnehmen, sondern auch das Leitmedium der Nachkriegszeit:
das Radio. Wenn also nicht das Fernsehen mit seinen Hunderten von Kameras
das Spiel öffentlich vermittelt, sondern ein Radioreporter und seine
- freilich bereits heisere - Stimme, dann weist das daraufhin, daß
in den beginnenden 50er Jahren die Sprache noch die gesellschaftsprägende
Rolle besitzt. Das erklärt auch, warum die Schwarz-Weiß-Filmaufnahmen
einer Nachrichtensendung, die es von dem Spiel durchaus gibt, keinen Eingang
in die allgemeine Erinnerung gefunden haben. Es gibt kein kollektives
filmisches Gedächtnis dieses Ereignisses, was seine außergewöhnliche
Aura ausmacht; und eben weil es nur in Form von Erzählungen existiert,
ist es literarisierbar. So kann DeLillo aus dem Match einen erzählerischen
Homerun zu den Wurzeln Amerikas machen: Baseball, schreibt er in Mao
II , verkörpere die "Unschuld".
Schon in seinem ersten Roman Americana
hat DeLillo in diesem uramerikanischen Spiel den Ort der Unschuld aufgesucht:
Im letzten Kapitel, als der Protagonist mit seiner 16mm-Kamera am Ende
seiner Amerikareise angekommen ist und, nach Abschluß seiner Aufnahmen,
ein paar Tage bei einer Gruppe Hippies verbringt, die ihr Leben zusammen
mit Indianern führen, entdeckt er den alten Fang-Handschuh eines
eingeborenen Jungen und beginnt mit ihm am Rand der Wüste Baseball
zu spielen... ein Moment archaischer Seinserfahrung an der Grenze zur
Epiphanie: "ich fühlte mich so gut, wie seit Jahren nicht mehr. (...)
und dann lehnte ich mich zurück und schleuderte einen weiteren Flugball
im hohen Bogen in den Mund der Sonne. Auf dem Baseball waren schon seit
langem jegliche Spuren von Beschriftung verschwunden".
Der Flug des Baseballs als Moment außerhalb
der Geschichte: darum geht es auch beim Bobby-Thomson-Homerun in Unterwelt
. Doch was diesem Ereignis seine Aura bewahrt hat, ist nicht die
Tatsache, daß dieses ohne mediale Vermittlung stattfand - es gibt
schließlich sogar einen Film, der für DeLillo obendrein "etwas
Kostbares" besitzt -; der eigentliche Verlust der Unschuld besteht in
seinen Augen vielmehr darin, daß heute "solche Ereignisse im Fernsehen
immer wieder gezeigt [werden], und wenige Stunden später hat sich
ihre Kraft bereits erschöpft" (Interview im ZEIT-Magazin). Es ist
die technische Wiederholung, die DeLillo als entscheidendes Moment bei
seiner Bilderkritik ins Auge faßt: "Wenn ein Verbrechen in einem
Haushaltswarenladen in Oklahoma begangen wird", erklärt er im Gespräch,
"und eine Überwachungskamera den Räuber aufnimmt, wie er den
Mann hinter der Theke erschießt, ist das ein Mord, der nicht die
geringste Beachtung gefunden hätte, wäre er nicht auf Video
aufgezeichnet worden. Fernsehstationen werden das Video dann immer und
immer wieder zeigen, einfach nur weil es da ist. Das ist der Druck der
Technologie. Hat man einmal die Möglichkeiten, etwas zu zeigen, muß
man es auch zeigen. Dorthin lenkt die Technologie die Kultur auf sonderbare
Weise. Und ich denke, all diese Wiederholungen führen zu einer Art
entstelltem Konsumverhalten. Nach einer Weile fühlt es sich an, als
kaufe man all die gewälttätigen Bilder in den Reklamen und sei
ihr Konsument."
Damit erklärt sich DeLillos ambivalentes Verhältnis zum Bild:
Er unterscheidet nach der Art des Systems, das die Bilder produziert,
das heißt, nach der Art, wie sie eingesetzt werden; nicht das Bild
an sich ist Zielpunkt seiner Kritik, sondern das Bild in seiner unablässigen
Repetition. In Unterwelt illustriert DeLillo diesen Aspekt in
zwei eigenständigen Kapiteln, die einander gleichsam spiegeln: Da
ist das Amateurvideo, auf dem ein kleines Mädchen zufällig einen
der Mordanschläge des Texas-Highway-Killers aufgezeichnet hat; und
da ist, wie ein historischer Urfilm dieses Genres, der legendäre
"Zapruder-Film", benannt nach dem Mann, der mit seiner Amateurkamera das
Kennedy-Attentat festgehalten hat. Was DeLillo anhand des ersten Beispiels
erzählerisch minutiös nachzeichnet, ist die Pervertiertheit
eines Sehverhaltens, zu dem die immer von neuem wiederholte Ausstrahlung
von Gewaltbildern den Fernsehzuschauer erzogen hat: es ist automatisierter
Fernsehkonsum, dessen Kitzel die mediale Dimension vergessen macht. "Das
Band ist überreal, oder vielleicht eher unterreal". "Es ist vollkommen
nackt. (...) es ist wirklicher als die Wirklichkeit". "Je öfter du
das Band siehst, desto toter und kälter und gnadenloser wird es."
Den Zapruder-Film dagegen schildert DeLillo als Geheimaufführung
eines Videokünstlers, der die endlose Wiederholung des Zwanzig-Sekunden-Streifens
zum Thema eines Kunstwerks macht: Derart sublimiert erhält der Streifen
eine Aura zurück, die er als kriminalistisches Forschungsobjekt verloren
hat. Die Videoinstallation läßt das mediale Moment der Bilder
in den Vordergrund treten: "der Film war in Wirklichkeit von einer kraftvollen
Offenheit, er war spiegelglatt und kunstlos und vollkommen davon durchtränkt,
das zu sein, was er war, ein Film. (...) Dieses Stück Film schien
ein Argument über das Wesen des Films selbst vorzubringen."
Das Bild, das sich als Bild zu erkennen gibt,
im Gegensatz zum Bild, das sich selbst zur Realität erklärt:
Es ist das Grundmuster des christlichen Bilderstreits, das DeLillos ambivalentem
Verhältnis zum Bild zugrundeliegt. Wenn er bei Esmeraldas Heiligenerscheinung
das Bilderverbot der Ikonoklasten zitiert ("Betet keine Bilder an") und
im selben Atemzug von der Verselbständigung der Nachrichten spricht
("Das sind Nachrichten ohne Medien"), greift er unter Bedingungen der
modernen Mediengesellschaft auf die Kritik an der Fetischisierung der
Bilder durch die Ikonodulen zurück. Durch ihre unaufhörliche
Wiederholung erhalten die Bilder Realitätsstatus und werden gleichsam
götzenhaft angebetet - wie es die Szene des Texas-Highway-Killer-Videos
zeigt. Demgegenüber steht jene Form der Bildbehandlung, die das Bild
als Bild begreift, das heißt als vermittelnde Darstellung von Realität
oder künstlerisches Medium - wie es DeLillo anhand der Zapruder-Videoinstallation
(oder des Eisenstein-Films) tut.
Es ist gleichsam ein innerer Bilderstreit, der
den katholisch erzogenen DeLillo in seinem Schreiben umtreibt: Da ist
eine Faszination des Bildes, die sich in seiner Leidenschaft für
den Spielfilm wiederholt, und gleichzeitig die Ablehnung ihrer Fetischisierung,
mit der Weigerung sich filmen zu lassen. Deshalb die immer neue Anverwandlung
von bildenden Künstlern, von Fotografen, Filmemachern, Malern oder
Bildhauern, die er im Medium der Literatur vollzieht. Indem er die Bilderwelt
durch seine 'Beschriftung' zum Sprechen bringt, bannt er deren "Auraverfall",
für den auch die aktuelle Medientheorie "die Massenreproduktion von
Bildern [verantwortlich macht], die das Wirkliche absorbieren, indem sie
es unendlich verdoppeln" (Norbert Bolz). Der Schriftsteller aber bekräftigt
den Vorrang der Sprache vor dem Visuellen. Am Anfang von DeLillos Bildbeschreibung
ist das Wort - so wie das Wort Gottes vor allem Streit um Bilderverehrung
die Form seiner Offenbarung ist.
Die visionäre Kraft der Sprache
Und so behält die Sprache auch am Ende von Unterwelt das
'letzte Wort'. Wenn Schwester Edgar im Epilog des Buches - statt in den
Himmel - in den Cyberspace eingeht (und sich mit dem FBI-Chef J. Edgar
Hoover vereint), gleicht dies einer digitalen Apokalypse, in der das Individuum
sich auflöst. In der Kette der atomaren Detonationen (die wie ein
fernes Multimediaecho von Breughels "Triumph des Todes" aus dem Romanprolog
klingen) wird alles auf dieselbe Weise miteinander verschmolzen, wie im
Netz "alles" miteinander "verknüpft" ist: "Ist Cyberspace ein Ding
innerhalb der Welt, oder ist es genau umgekehrt?" Die totale Verknüpfung,
das Netzwerk in Form einer Möbiusschleife, das die Welt von Außen
und Innen umschlingt, ist die paranoide Endvision, die DeLillo an die
Wand malt - und er beschreibt sie erneut als Bilderwelt, als einzige Bildschirmoberfläche.
Doch dann läßt DeLillo in der Entropie des Datenflusses ein
Wort erstehen, das auch den Schlußpunkt des Romans darstellt. Es
ist das Wort "Frieden":
"Es ist die Idee", sagt DeLillo im Gespräch, "daß die Sehnsucht
nach Frieden schließlich ein mögliches Ende für einen
Roman wäre, der völlig dem Konflikt gewidmet ist - zwischen
Nationen, Rassen, Männern und Frauen. Und natürlich ist das
Wort 'Frieden' nicht ironisch gemeint, sondern ernst - aber es ist nur
eine Sehnsucht und nicht eine realistische Erwartung."
Daß sich für den Schriftsteller mehr "Sehnsucht" denn "realistische
Erwartung" an das Schlußwort "Frieden" knüpft, macht deutlich,
daß dessen Verwendung nicht nur konkret zu verstehen ist, sondern
- in entscheidender Weise - auch poetologisch. Denn wenn "die Sprache
eine Opposition zu der ganzen enormen Kriegstechnologie" entwickelt, wie
DeLillo an anderer Stelle erklärt, dann weist er damit auf einen
grundsätzlicheren "Konflikt" hin, der jedes Buch kennzeichnet, den
"primären Zusammenprall [...] zwischen der Sprache und dem Gegenstand."
In der literarischen Formgebung wird dieser Zusammenprall überwunden,
und der so ästhetisch gestiftete "Frieden" transportiert eine "Sehnsucht"
für die realen Konflikte. Das Erzählen ist es somit, "was für
die Härte, die Grausamkeit der Geschichte entschädigen kann.
Es liegt etwas Kostbares, Zerbrechliches und Humanes darin, und vielleicht
kann das von den dunklen Seiten der Geschichte erlösen" (Interview
in der Frankfurter Rundschau ).
Entsprechend benennt DeLillo im Gespräch sein schriftstellerisches
Grundverständnis: "Vor der Geschichte oder der Politik kommt die
Sprache: Das meine ich, wenn ich sage, ich bin Schriftsteller." Tatsächlich
findet sich diese Poetik, in komprimierter Form, bereits im ersten Satz
des Romans formuliert. Der "hoffnungsfrohe Schimmer", von dem dort die
Rede ist, kann nur deshalb auf das Romanende vorausstrahlen, weil er im
Auge eines Sprechenden liegt - und es ist die Aufgabe und Befähigung
des Erzählers, eine solche Vision zu entwickeln: "Romanautoren folgen
nicht, sie führen an. Wir reagieren nicht auf Spielfilme, Fernsehen
oder sonst etwas (oder sollten es zumindest nicht). Es ist unsere Aufgabe,
ein Klima zu schaffen. Wir müssen das zu tun versuchen, was Künstler
immer getan haben: Dinge zu sehen, bevor andere sie sehen."
Literatur bildet die 'Unterwelt' unserer Erfahrung
in der bilddominierten Gesellschaft. Deren 'Beschriftung', die schon Benjamin
im Auge hat, löst der Schriftsteller ein - was ihm eine visionäre
Kraft verleiht, die Befähigung eines 'Sehers'. So vermag der Erzähler
von Unterwelt - anstelle daß die Epoche des kalten Krieges
zu 'Geschichtsmüll' wird - sie durch seine Erzählung dem Vergessen
zu entreißen, ja durch die schöpferische Kraft seiner Sprache
aus ihren Überresten eine Vision zu entwickeln.
Die Beschriftung der Bilder
Doch hält diese Poetik der Allgegenwart und integrativen Kraft der
visuellen Medien stand? Wird der Schriftsteller, selbst wenn er sich wie
DeLillo der technischen Bilderproduktion zu entziehen versucht, nicht
unweigerlich von ihr vereinnahmt? Ergeht es ihm nicht wie dem zurückgezogen
lebenden Autor in Mao II , der die Fotos, die er von sich machen
läßt, als "Ankündigung meines Sterbens" empfindet und
am Ende des Buches tatsächlich von der Bildfläche verschwindet
und irgendwo im Dunkeln stirbt?
Tatsächlich ist der Effekt, den DeLillos
Rückzug aus der Bildergesellschaft hat, paradox und doppeldeutig.
Wer über diesen Autor im Fernsehen berichtet, sieht sich in potenzierter
Form einem Grundproblem filmischer Berichterstattung über Bücher
gegenüber, deren Eigentliches, der Text, dem visuellen Medium nicht
darstellbar ist. Im Gegensatz zu allen anderen Künsten ist eine Reproduktion
des Kunstwerks selbst (was das Abfilmen des graphischen Erscheinungsbildes
des Textes bedeuten würde oder aber seine Lektüre) nicht möglich;
das Fernsehen kann diesen Gegenstand gewissermaßen nur zitieren,
um die Existenz von etwas zu belegen, das sich ihm wie ein schwarzes Loch
entzieht. Deshalb tendieren alle Berichte über Bücher zu kleinen
Literaturverfilmungen und, vor allem, zu Autorenportraits: Die Person
des Autors ist der Gegenstand, der sich mit seinen theoretischen Reflektionen
und privaten Erzählungen ins Medium transportieren läßt.
Aber wie der eklatanten Bildernot begegnen,
wenn der Autor sich - zumal als biographische Person - der Kamera verweigert?
Daß das Medium es nicht zuläßt, ohne ein Bild DeLillos
auszukommen, ist eine Krux, der in der Mediengesellschaft selbst Zeitungsmacher
und Verleger nicht entgehen: So gut wie kein DeLillo-Artikel erscheint
ohne Foto seines Konterfeis - geschweige denn ein Buch. Aus den herrschenden
Marktbedingungen resultiert also eine erstaunliche Gegenbewegung zur Bildverweigerung:
eine Bilderzeugung und -multiplikation. Überall wo der Autor auftaucht,
werden Bilder umso gieriger gesucht und gezeigt - sie wiederholen und
vervielfachen sich (ähnlich den beiden legendären Jugendfotos
von Pynchon). So bewirkt DeLillos zurückgezogene Existenz eher das
Gegenteil von ihrer Intention, sie verstärkt das Interesse an jeder
persönlichen Information über den Autor. Wie in einem Geheimarchiv
findet sich längst in der anonymen Unterwelt des Internets allerlei
Spezialwissen über DeLillo versammelt. Auf einer weitverzweigten
Website läßt sich durch seine Bio- und Bibliographie surfen,
durch Kindheitserinnerungen vorbei an Fotos - darunter einem, das DeLillo
in der Bronx zeigt - bis hin zu Hintergrundmaterial zu den Romanen. (Zum
Prolog von Unterwelt finden sich dort nicht nur Abbildungen
des Breughelgemäldes, sondern sogar eine abrufbare Tonbandaufzeichnung
jener Schlußschreie, die der Radioreporter Russ Hodges beim Baseball-Match
von sich gab und die DeLillo in seine Schilderung des Homeruns montiert.)
Doch der paradoxe Sog, den DeLillo auf die neuen
Medien ausübt, besitzt auch eine Kehrseite. Ganz anders als jener
Schriftsteller in Mao II , der an seiner Sprachkrise stirbt,
ist er nicht nur weit davon entfernt, vor der Bildmaschine zu verstummen
(wie das Stück Valparaiso belegt): er zwingt ihr, wenn
sie ihn sich aneignet, sogar eine Art literarischer Struktur auf. Wer
über DeLillo in visueller Form berichtet, muß automatisch die
Bedingungen dieses Berichtens reflektieren, muß das Verhältnis
von Sprache und Bildern und deren Unübersetzbarkeit zum Gegenstand
seines Berichts machen: er denkt nach über Literatur im Fernsehen.
DeLillo erschwert dem Bildmedium, seine Arbeit so gut wie möglich
zu tun: den Autor zu integrieren, gelingt diesem dennoch mühelos.
Denn je weniger bewegte Bilder es von ihm zur Verfügung hat, je mehr
es auf Standbilder zurückgreifen muß, desto mehr besinnt es
sich notgedrungen der eigenen kreativen Mittel. Der Schriftsteller, der
durch seine visuelle Absenz das Augenmerk auf das Gewicht des Textes lenken
will, erhöht paradoxerweise das Gewicht der Bilder - aber er zwingt
diese gleichzeitig dazu, sich selbst zu beschriften. So wird DeLillo zum
Teil der glatten Fernsehoberfläche wie jeder andere Gegenstand, aber
durch seinen selektiven Umgang mit dem Bild bringt er das Medium dazu,
sich als das zu erkennen zu geben, was es ist: ein Medium und keine Realität.
Das Wort, mit dem DeLillo Unterwelt
beschließt, korrespondiert mit jenem, mit dem T.S. Elliots Waste
Land endet. Es ist die Sprache, die die konfliktreiche Nachkriegszeit
mit ihren apokalyptischen Drohungen und realpolitischen Morden ästhetisch
erlöst, und den Leser gleichsam gereinigt nach der Lektüre in
die Zukunft entläßt. "Frieden" heißt soviel wie: Finis
- es ist vollbracht. Mit diesem Wort verkündet der Erzählakt
sein abgeschlossenes Werk der Katharsis. Damit löst der prophetische
Erzähler, der sich zum Sprecher der Leser erklärt, ein, was
er ihnen mit dem "hoffnungsfrohen Schimmer" in Aussicht gestellt hat.
"Wir haben das zwanzigste Jahrhundert auf Film,
es ist das gefilmte Jahrhundert", schreibt DeLillo in seinem Roman Die
Namen . Aber zu seiner Aufarbeitung ist nicht die immer neue Sichtung
dieses mächtigen Bildarchivs in der Lage - eines Archivs, das mit
jeder neuen Wiederholung allenfalls dunkler, verschwommener, "unterrealer"
wird -: zu dieser Leistung ist nur die Sprache in der Lage, denn sie ist
es, die zu sehen vermag.
|