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Der bengalische Nobelpreisträger
Mit Grass in Kalkutta

 

Von Norbert Kron                                                   

 

„Smile please“ steht auf dem kleinen Schild an der Wand - darunter sitzt Günter Grass und beobachet mit versonnenem Lächeln seinen Verleger Gerhard Steidl, der sich soeben in einem Fotostudio in Kalkutta fotografieren läßt. Normalerweise werden hier Portraits heiratswilliger junger Frauen angefertigt, die von ihren Familien, wie in Indien üblich, an die heiratsfähigen Söhne anderer Eltern vermittelt werden sollen - weshalb der Fotograf, ein weißhaariger Alter, sich nicht wenig über den ersten männlichen Kunden seines Studios wundert. Doch Steidl ist fest entschlossen und möchte auch Grass zu diesem Schritt bewegen. „Ich mache das nicht“, wehrt der schmunzelnd ab. „Ich habe schon eine Frau. Ich bin sogar schon zum zweiten Mal verheiratet.“ Sagt es und rettet sich hinaus auf die Straße, hinein in das laute Gewusel Kalkuttas, das ihn viel mehr lockt als ein weiterer Fototermin.

Günter Grass ist nach 18 Jahren zurückgekehrt in die Stadt, die für ihn, für sein Werk auch, zu einem der wichtigsten Inspirationsorte neben Danzig und Berlin wurde. Fast ein halbes Jahr lebte er einst mit seiner Frau Ute in der bengalischen Metropole, die ihm als beispielhafter Meltingpot der globalisierten Welt gilt. Die Zeichnungen und Texte, die er damals nach seiner Rückkehr im Band „Zunge zeigen“ veröffentlichte, legten den Finger ausschließlich in die Wunde Kalkuttas, wiesen auf das Elend des 13-Millionen-Molochs. Da Grass dies in den Augen vieler Kritiker mit dem erhobenem Zeigefinger des Europäers tat, erregte das Buch viel Unmut, auch bei den Menschen in Indien. Dabei meinte Grass es gut, hatte „die Ignoranz der Mittel- und Oberschicht gegenüber der Masse der Armen“ im Visier, wie er es bei seinem jetzigen Besuch formuliert. An der Armut beeindruckte ihn der Überlebenswille, die Überlebenskunst derer, denen das inoffiziell weiterbestehende Kastensystem keine Chance zum Aufstieg läßt. Damals engagierte er sich für ein ortsansässiges „Hunger Project“ und unterstützt es seither von Deutschland aus.

Daß er noch einmal nach Kalkutta zurückkehren würde, war schon bei seiner Abreise vor 18 Jahren beschlossene Sache. Und so erlebt man in diesen Tagen, wie der Entdeckungsdrang den 77-Jährigen, der eigentlich unter Schmerzen im linken Bein leidet, sofort seinen „vertrauten Kalkutta-Gang“ wiederfinden läßt. Gleich gegenüber des Fotostudios zieht eine Menschenmenge seine Neugier an: Sie steht um ein ein-mal-ein-Meter großes Holzspielbrett herum, auf dem junge Männer Spielsteine mit dem Finger wie beim Billard über die Fläche schnippen. „Carrombot“ heißt das Spiel. Der schaulustige Fremde wird sofort von der Menge aufgenommen. Man bietet ihm an, es selbst zu versuchen. Grass zögert, hat er doch wie immer seine Pfeife in der Hand. Und dann übermannt ihn dennoch der Reiz des Spiels. Als er mit dem roten Hauptstein die Phalanx der anderen Klötzchen auseinander katapultiert, applaudiert die Menge ihm und freut sich.

Ja, Grass ist angekommen in Kalkutta - er kommt nun auch bei den Menschen an. Wenn er das Intellektuellen-Café „Olympia“ in der Park Street betritt, schallt ihm sofort aus einer Ecke der Ruf entgegen: „Oooh, Guunter Graass!“ Beim Spaziergang durch das Buchmacher-Viertel, wo es die „Blechtrommel“ auf bengalisch zu kaufen gibt, wird er auf der Straße angehalten und um Autogramme bestürmt. Und nach einem Besuch der alten Börse spricht ihn ein Mann an und will wissen, warum er sich so einseitig über Kalkutta geäußert habe. Grass erklärt, daß er seiner Heimat gegenüber genauso kritisch sei: „Lobpreiser gibt es genug.“ Der Mann nickt. Das versteht man hier jetzt - oder nimmt es wenigstens hin, seit Grass den Nobelpreis erhalten hat. Mag manche seiner Wahrnehmungen nach wie vor als zu westlich aufgefaßt werden: Man dankt ihm die Verbundenheit mit Kalkutta, die anhaltende Auseinandersetzung mit einer Stadt, die lange die Hauptstadt des englischen Kolonialreichs Indien war und noch immer die bedeutendste Kulturmetropole des Landes ist. Vor knapp hundert Jahren hat sie bereits ihren eigenen Nobelpreisträger hervorgebracht, den Lyriker Rabindranath Tagore. Nun, so sagt mancher lächelnd, hat Kalkutta „den zweiten bengalischen Nobelpreisträger“.

Kein Wunder, daß dem Ehrengast entsprechendes Geleit zuteil wird. Ein Polizeiwagen fährt dem Minibus voraus, in dem der Autor mit den Seinen sitzt, und schneidet mit seiner Sirene eine Schneise durch den wild hupender Autostrom, der die Straßen Kalkuttas verstopft. Ob Grass im Goethe-Institut mit bengalischen Poeten Gedichte liest, ob er mit indischen und pakistanischen Intellektuellen über die Folgen des 11. September diskutiert, ob er Studenten aus Kalkutta Rede und Antwort steht: Wo immer er hinkommt, wollen ihn Hunderte sehen und hören.

Natürlich: Grass nützt die Gelegenheit des Aufenthalts, um auf die politische Situation aufmerksam zu machen. Er weist auf das Nord-Süd-Gefälle hin, betont die Notwendigkeit einer „bis heute nicht eingelösten Weltinnenpolitik“, wie Willy Brandt sie gefordert habe, sieht in Ländern wie Indien mit dem starken Bevölkerungswachstum die „Zukunft“: „Wir können Europa nicht zu einer Festung ausbauen.“

Und doch: Wer Grass in diesen Tagen durch Kalkutta streifen sieht, erlebt einen anderen Mann als den missionarischen Großschriftsteller, den man aus den Medien kennt. Als Privatreisender ist er leiser, versöhnlicher, offener, humorvoller - ein Autor, der die vielfältigen Eindrücke mit wachsamer Begeisterung aufnimmt. Und irgendwie, so scheint es, hat er die Einladung des Goethe-Institus auch deshalb angenommen, um seine Begeisterung an seine jüngste Tochter und eine Schwiegertochter weiterzuvermitteln, die ihn diesmal anstelle seiner Frau begleiten. Bei einem Fest, das der bekannte indische Maler Shuvaprasanna ihm zu seinen Ehren gibt, stellt Grass die jungen Frauen voller „Stolz“ vor. Und als er die Werkstätten des Bildhauer-Viertels Kalkuttas besichtigt, läßt er fallen, daß seine Tochter sein bildhauerisches Talent geerbt habe. Und reicht das Stück Ton, das man ihm zum Kneten gegeben hat, an sie weiter.

Bei einem abendlichen Glas Bier revanchiert sich die Tochter, indem sie dem Vater einen Kartentrick mit einem Kartenspiel zeigt, das sie auf ihren nachmittäglichen Erkundungen in Kalkutta gekauft hat. Ob sie ihn verraten solle, fragt sie grinsend, nachdem der Trick zur Verblüffung aller gelungen ist. Gerhard Steidl, der Verleger, erhebt sich, will lieber ins Bett, um sich „die Illusion zu bewahren“. Grass bleibt sitzen und lauscht gebannt der Erklärung. Er ist zu neugierig auf die Geheimnisse von Kalkutta.

                                                                          

 

(Erschienen in "Die Welt" vom 3.2.2005. Fotos: Norbert Kron)