Essays
Essays
weiss
Home
Roman
weiss
weiss

Wie Männer und Frauen sich gegen ihren Willen glücklich machen
Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist noch stärker: So will es der neue Soziobiologismus

Von Norbert Kron

 

                                                       

Es war eine heimliche, "friedliche" Revolution, die im Lauf der letzten zehn Jahre stattfand - und doch das jüngste Kapitel im Krieg der Geschlechter. Sie vollzog sich, als hätte niemand daran mitgewirkt, und hat ihre Kinder - Frauen und Männer - doch mit Haut und Haaren gefressen. Der Beweis läßt sich bei jeder Party oder Tischgesellschaft antreten. Wer nonchalant die Behauptung in den Raum wirft, daß "Frauen und Männer nicht zueinander passen", kann sich nicht nur ungeteilter Aufmerksamkeit erfreuen - er wird sogar breite Zustimmung ernten. Und das Stichwort Hormone, in Gegenwart intellektueller Frauen ausgesprochen, liefert den Stoff für todsichere Flirts.

     Zum Beispiel neulich auf einer Party. Vor zehn Jahren wäre es noch ein chauvinistischer Fettnapf sondergleichen gewesen, einen Bestseller wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" allein vom Titel her zu kennen. Heute ist das Bekenntnis zur Lektüre solch eines Buches der Aufhänger zu abendfüllender Verbalerotik, bei der die Allianzen zwischen Männern und Frauen wechseln wie weiland, in den 70ern, die Paarungen beim basisdemokratischen Gruppensex. Da ist Ariane, eine stolze Schönheit, Kulturjournalistin und frischgebackene Mutter, die sofort bestätigt, soeben auf "arte" eine Dokumentation über die Evolutionsgeschichte der Sexualität gesehen zu haben. Herbert, Doktor der Psychologie, weiß zu bekräftigen, daß die Gehirne von Männern (ehemaligen Jägern) ganz anders funktionieren als die von Frauen (einstigen Nestbeschützerinnen). Und Caroline, eine burschikose Blonde, die Becks trinkt, springt untermauernd bei, daß der Geruchssinn Frauen während des Eisprungs eine andere Partnerwahl treffen lasse als während der restlichen Zeitraums. Motto: Brave Mädchen heiraten den Versorger-Typ - böse Mädchen schieben ihm das Kuckucksei des Erzeuger-Typen unter. Eine Bemerkung übrigens von delikater Ironie. Ist die beckstrinkende Frau doch hochschwanger.

     Lange vorbei die politisch korrekten Zeiten, in denen stets die gesellschaftliche Unterdrückung der Geschlechtergleichheit betont werden mußte. Heute ist schon Schwarzer-Humor nötig, um den Unterschied zwischen Männern und Frauen noch lächelnden Auges klein reden zu wollen. Ein gutes Vierteljahrhundert, nachdem Deutschlands bekannteste Emanze mit ihrer soziologischen Kampfschrift Furore machte, scheint die Geschlechterkluft größer denn je. Männer und Frauen mögen ein wenig gleichberechtigter geworden sein - aber auf gar keinen Fall gleich. Was ist passiert seit den 80er Jahren, in denen die Laufstege noch von Hermaphroditen bevölkert waren, die Unisex-Mode zur Schau stellten? Als Boy George und Grace Jones die Popikonen eines intellektuellen Diskurses waren, in dem Androgynität und Bisexualität als schick galt? Während die französische Soziologin Elisabeth Badinter damals die Aufhebung der Geschlechterdifferenz zur Utopie erhob (und mit ihrem Buch "L'un est l'autre" einen Bestseller landete), betont heute auch die wissenschaftliche Geschlechterforschung, daß ihr alle didaktischen Gleichheitsbeschwörungen fremd seien und ein kultursoziologisch beschreibendes "Gender"-Verständnis zugrunde läge.

     Doch vor allem die populärwissenschaftliche Literatur hat sich auf den erneuerten Krieg der Geschlechter kapriziert. Wer einen Blick in die Buchhandlungen wirft, findet auch in diesem Frühjahr neue Regalmeter mit Beziehungsratgebern, die nach dem immerselben Schema gestrickt sind. Die Gegensätzlichkeit der Geschlechter gilt längst nicht mehr als Stein des Anstosses, sondern im Gegenteil: als Grundlage des erfolgreichen Miteinander-Auskommens. John Gray, Prophet der "Mars"-Männer und Frauen vom "Venus"-Hügel, hat sich von der Privatsphäre des Beziehungsdurcheinanders auf die Berufswelt verlegt: "Venus und Mars im Büro". Zwar sei wahrhaftige Verständigung zwischen den Geschlechtern ohnehin illusorisch, da Marsianer "murren" und Venüsse "mitteilen", aber dank Gray'scher Hilfe lasse sich die heterosexuelle Kommunikation mit den Kollegen immerhin "verbessern". Kein Wunder also, daß der Frieden der Geschlechter, wie eine andere Neuerscheinung behauptet, heute ohnehin nur durch weibliche Kriegslist zu erreichen ist. Die Anleitung hierfür haben die österreichischen Autorinnen Sabine Riedl und Barbara Schweder geschrieben: "Wie Fauen Männer gegen ihren Willen glücklich machen".

     Alles wie annodazumal? Sind Männer nunmal große Schweiger, die nur das Eine wollen - während Frauen mit alltagskluger Eloquenz den gemeinsamen Nestbau betreiben? Nein, es gibt einen kleinen, verstörenden Unterschied zu früher: Die Beziehungsspezialisten urteilen bei der Wiederaufbereitung der Geschlechterklischees nicht mehr aus dem Bauch heraus - sondern gleichsam aus der Hypophyse: der menschlichen Schaltzentrale für die Hormonproduktion. Längst ist es zum allgemein akzeptierten Konsens geworden, daß wir alle, Männer und Frauen, hormonelle Zeitbomben sind, deren biologische Uhren in unterschiedlichem Takt ticken. Allenthalben feiert der Soziobiologismus fröhliche Urständ - und das dank der Erkenntnisse von Hirnforschern und Evolutionsbiologen, auf die sich die Autoren der Beziehungsratgeber wie auf die Newtonschen Gesetze berufen. So quellen auch seriöse Bücher (wie die von Riedl und Schweder) über von Noredrenalin, das "für die schwärmerische, romantische Liebe" zuständig ist, und Dopamin, das das "wohlige, glückselige Gefühl der Erfüllung" bei Verliebten bewirkt. Und so darf natürlich auch in Jürgen Braters gerade erschienenem "Lexikon der Sexirrtümer" nicht der obligate Eintrag über die Geschlechtshormone fehlen - ein Eintrag, der uns darüber aufklärt, daß die Lust der Frau nicht durch die weiblichen Sexualhormone, Östrogene und Gestagene, hervorgerrufen werde, sondern - durch das männliche Hormon Testosteron.

     Testosteron ist überhaupt die Wunderwaffe in der heutigen Geschlechterdebatte. Wer den Evolutionsbiologen Glauben schenkt, weiß: Die Bedeutung des Männlichkeitshormons reicht weit über seinen mechanistischen Einfluß auf die Anhebung der Manneslust hinaus - sie betrifft unsere sämtlichen Fähigkeiten. Die Frage, "warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken", läßt sich (so das australische Autorenpaar Allan und Barbara Pease) im wesentlichen damit antworten, daß Männer mehr Testosteron als Frauen besitzen. Frauen können keine Straßenkarten lesen - weil es ihnen an jenem hormonellen Stoff mangelt, aus dem auch das räumlich-visuelle Denken gemacht ist.

     Alles Testosteron, oder was? In der Tat läßt sich die Karriere, die der "Hormonismus" in den letzten zehn Jahren gemacht hat, nachgerade mit der des Kommunismus in den 60er Jahren vergleichen. Oder anders gesagt: Im selben Maß, in dem alle Utopien der Steuerbarkeit des Gesellschaftlichen (ob sozialdemokratisch oder sozialistisch) abgewirtschaftet haben, ist die Welt auf einen Sozialdarwinismus umgestiegen, der sich zunehmend als biologisch fundiert erweist. Ist es ein Zufall, daß seit der friedlichen Revolution von 1989 nicht nur die neoliberale Marktwirtschaft ihren Siegeszug antrat, sondern auch ein neodarwinistisches Verständnis der Privatverhältnisse? Daß in derselben Zeitspanne, in der das wirtschaftliche Wohl und Wehe ganz in die Abhängigkeit von Aktienemissionen und Börsenschwankungen geriet, das zwischenmenschliche Glück zum Spielball schwankender Hormonausschüttungen wurde?

     Tatsächlich gibt es verblüffende Parallelen zwischen dem Turbokapitalismus (der das Marktprinzip zur letzten ethischen Instanz erhebt) und dem neuen Soziobiologismus. Die Bereitschaft, mit der wir den allumfassenden "struggle for life" als gesellschaftlichen Motor akzeptieren - und den Glauben an die Steuerbarkeit sozialer Prozesse aufgegeben haben - trägt Züge eines neuen historischen Materialismus. Fehlt nur noch, daß der Soziobiologismus in die politische Diskussion Einzug hält. Mit Sicherheit ließen sich für den neoliberalen Kapitalismus und seine Ethik gewichtige Argumente mit Hilfe der testosteronellen Logik finden. Von Guido Westerwelle wären hierbei ebenso einschlägige Vorstöße zu erwarten wie von Ferdinand Piech oder - Angela Merkel.

     Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist noch stärker: Auf diesen banalen Nenner läßt sich die Ideologie unseres privaten wie gesellschaftlichen Lebens heute bringen läßt. Oder anders gesagt: Klar sind wir für Gleichberechtigung und soziale Marktwirtschaft, aber wir können auch nichts dafür, daß schon die Griechen und Feministinnen von unseren Vorfahren, Jägern und Nestbeschützerinnen, abstammen.

     Kommen wir noch einmal zurück zu Ariane. Eine Party später (diesmal ist es die Habilitations-Fete eines Bekannten) bekundet die ehemalige Kulturjournalistin tatsächlich, nach ihrem Mutterschaftsurlaub eine Stelle in der PR-Abteilung eines amerikanischen Biotech-Unternehmen anzutreten. So ist sie eben, die neodarwinistische Marktgesellschaft: Sie zwingt eine alleinerziehende Mutter (die mehr auf den Erzeuger- als auf den Versorger-Typ gesetzt hat), ihre knallharten Gesetze des Überlebenskampfes zu akzeptieren. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

     Der Zynismus, der sich in den letzten zehn Jahren gesellschaftlich breitgemacht hat, ist im selben Zeitraum klammheimlich biologisch unterfüttert worden. Die Hilflosigkeit, mit der wir der Gnadenlosigkeit der Marktgesetze gegenüber stehen, entspricht derjenigen, mit der wir uns den Hormonen ausgeliefert sehen. Und so wie die schwierigen Wechseljahre, in die der verrücktspielende Organismus Wirtschaft geraten ist, immer neue Kurpfuscher und Wunderheiler auf den Plan rufen, wird uns alsbald der Biotech-Markt mit ganzen Wellen von Fitmachern überschwemmen. Wer die neue sexuelle Revolution zuende denkt, weiß, daß es im Krieg der Geschlechter bald zu einem Wettrüsten der Hormone kommen wird. Gerade der Feminismus dürfte sich davon große Versprechungen machen: Die Waffen der Frauen können eben auch Biowaffen sein. Dann heißt es: Hormontherapie für alle. Damit Frauen endlich mit Tempo 100 rückwärts einparken können - und Männer auch einmal in ihrem Leben an was Anderes denken. 

 

(Erschienen in "Der Tagesspiegel" vom 4.3.2003)