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"Was du immer schon mal heimlich wolltest"
Wie man Liebesbriefe im Internet-Zeitalter schreibt
Von Norbert Kron
"Liebesbriefe gibt es ja kaum noch", heißt es in einem kürzlich
erschienenen Roman. Und auch wenn "so ein Liebesbrieferlebnis ja eine
den Tag beschäftigende Aufwühlung" ist - und der verliebte Erzähler
sich deshalb vornimmt: "zur Post zu gehen und zu sagen, bitte schicken
Sie mir nur noch Liebesbriefe" -, weiß er schon im vorhinein, welch
enttäuschende Erfahrung er machen wird: "man wird Jahre warten, täglich
wartet man vergebens, täglich wundert man sich, daß keiner
kommt, daß kein Liebesbrief kommt".
Liebesbriefe, mit geschwungener Handschrift
verfaßt und mit rotem Lippenabdruck signiert, sind in der Tat selten
geworden. Man muß sich nur mal im Freundeskreis umhören, um
zu erfahren: Kaum jemand kann sich noch entsinnen, wann er die letzte
Liebespost im Briefkasten stecken hatte. Früher, so wird beteuert,
war das anders. Da wurden Herzensbotschaften als zusammengefaltete Zettelchen
unter Schulbänken weitergereicht, da fuhr man mit der U-Bahn abends
bis zur Angebeten, um Überraschungspäckchen eigenhändig
in den Briefschlitz zu stecken, da schickte man Bekennerbriefe per Einschreiben,
damit die Umworbene sich den telefonischen Nachstellungen nicht entziehen
konnte. Und heute? Es stimmt: Da kann man Jahre warten, bis der Postmann
auch nur einmal klingelt und mit einem Liebesbrief winkt.
Woran liegt das? Leben wir in gefühlskalten
Zeiten, in denen weniger aufwühlend geliebt wird? In denen die Partnersuche
pragmatisch über Kontaktanzeigen abgewickelt wird und Begierde nur
noch als hormonelles Konsumbedürfnis verstanden wird? Im Gegenteil.
Wer den ersten Roman "Liebeserklärung" des Bachmann-Preisträgers
Michael Lentz liest, kann miterleben, wie die Emotionen einen Liebenden
auch heute so in Fahrt bringen, daß er sich sein Gefühlswelt
erst wieder zusammenbuchstabieren muß, die Liebe im wörtlichen
Sinn "erklären". Ständig auf Reisen, schickt er seiner Geliebten
eine SMS nach der anderen und verstrickt sich mit ihr in einen leidenschaftlichen
Austauch amouröser Kurznachrichten. Das ist der wahre Grund, warum
heute keine Liebesbriefe mehr mit der Hand geschrieben werden: Zu ungebremst
drängt das Gefühl in unserer schnellebigen Zeit nach Artikulation,
als daß die gute alte Schneckenpost noch mithalten könnte.
So wie das "billet doux", einst ein zugeschmuggelter Kassiber, ins mobile
Telekommunikationsnetz abgewandert ist, hat sich die ausschweifende Liebeskommunikation
ins Internet verlagert. Dort wuchert sie, nimmt ungeahnte Formen an, überquert
in Lichtgeschwindigkeit ganze Kontinente. Mußte man früher
tage- oder wochenlang auf den nächsten Brief warten, reicht heute
ein Tastendruck, und die oder der Liebste erhält den neuen elektronischen
Herzenserguss mit angehängter Klangfile und Bilddatei - oder kommt
gar per MMS übers Fotohandy unter die Bettdecke.
Der Liebesbrief ist tot - es lebe die Liebesmail.
Das Medium hat sich gewandelt, aber die Gefühle bleiben dieselben,
ja werden durch die Schnelligkeit der Datenübertragung so angeheizt,
dass der Übermittlung von Liebesbotschaften ganz neue Bedeutung zukommt.
Schon im Hollywoodstreifen "Email für Dich" war zu sehen, wie die
Zuneigung zwischen zweien - zumal wenn sie sich unbekannt sind - beim
sehnsüchtigen Abfragen der Computerpost immer weiter hochgeschaukelt
wird. Ironischer und feinsinniger noch beschreibt jetzt die Fankfurter
Journalistin Hilal Sezgin in der aktuellen Ausgabe des "Kursbuches", welch
nervenaufreibend-schönen Blüten die Liebeskorrespondenz bei
den Mittdreißigern treibt, die den Wandel vom Brief- zum Email-Zeitalter
vermutlich am unmittelbarsten miterlebt haben.
Die Schnelligkeit der Datenübertragung
hat die Qual des Begehrenden nämlich keineswegs gemindert - im Gegenteil:
Eben weil ein Liebeszeichen nicht nur einmal am Tag mit der Post kommen
kann, geht mit der Internetkorrespondenz ein permanentes "Hoffen, Bangen,
Sehnen von einer Email zur nächsten" einher. Da elektronische Post
in buchstäblich jeder Sekunde eintreffen kann, beinhaltet auch jede
Sekunde, in der sie ausbleibt, ein Moment der Frustration. Das Medium,
das unser komplexes "analoges" Fühlen in strikt binären Zahlenfolgen
weiterleitet, läßt uns auf diese Weise ununterbrochen, so Hilal
Sezgin, den eklatanten "Unterschied zwischen 0 und 1" erfahren. "Sie haben
1 Email" heißt: Er liebt mich. "Sie haben 0 Emails": Er liebt mich
nicht. Das daraus resultierende Dauer-Standby, das der Liebende gegenüber
seinem Computer einnimmt, kann sich dabei gerade bei Schreibtischarbeitern
verheerend auf Konzentrationsfähigkeit und Arbeitskraft auswirken.
Und wehe, hinter dem Soundsignal, mit dem der Emailaccount neue elektronische
Post meldet, verbirgt sich statt des erhofften Herzensergusses nur weitere
Spammail für Viagra.
Aber das ist noch nicht alles. Nicht nur
die Rahmenbedingungen, auch die Sprechformen haben sich mit der Elektronisierung
der Liebeskorrespondenz verändert. In nur zehn Jahren ist die traditionelle
(Hand-)Schriftsprache einer Schriftform gewichen, die in ihrer Schnelligkeit
oft ans Mündliche grenzt - ein Wandel, der die traditionellen Codes
der Gefühlsdarstellung verändert und bereichert. Es scheint
kein Zufall, daß dieser Tage immer wieder Sachbücher erscheinen,
die den Liebesbrief aus der guten alten Zeit zum Gegenstand haben - oder
gar Nachhilfe geben, wie man heute an den Liebespartner schreibt. Unter
so sprechenden Titeln wie "Ich bin eigentlich sonst ganz vernünftig"
oder "Du bist mir alles Licht und alles Leben" versammeln diverse Bände
die Liebesbriefe berühmter Persönlichkeiten. Wie Goethe Charlotte
von Stein umwarb oder George Sand Alfred de Musset: Das erinnert uns daran,
daß der Liebesbrief einst ein literarisches Genre war, bei dem das
Persönlichste oft im formelhaften Pathos unterging. Daß die
Rhetorik von annodazumal aber heute nur noch bedingt anwendbar ist, zeigt
ein anderes Buch, das sich als "Anleitung" für Liebesbriefe versteht.
Lehrreicher als die harmlose Einführung des englischen Bestsellerphilosophen
Alain de Botton sind darin die exklusiven Briefe, mit denen uns bekannte
jüngere Autoren (von Maike Wetzel bis Feridun Zaimoglou) vormachen,
wie man heute seine Zuneigung an den Mann oder an die Frau bringt. Sie
zeigen, wie sich hochfliegende Metaphern und MTV-Sprech zu äußerst
erfolgsversprechenden Lippenbekenntnissen der Liebe verbünden - wie
gerade im Wechsel der Sprachebenen, in den Abweichungen vom klassischen
Liebesvokabular Echtheit entsteht.
Daß beim Liebesbrief "der beste Anfang
oft eine Lüge" sei - oder: daß der Verliebte auch "auf schöne
Weise stammeln" soll (anstelle perfekt zu formulieren) - das sind Tipps,
die an die uralte, ewigneue Zwickmühle erinnern, in der der Liebesbriefschreiber
sitzt. Einerseits wird kaum ein menschliches Gefühl drängender
und authentischer erlebt als die Liebe. Andererseits versagt uns die Sprache
gerade auf diesem Gebiet ihre Originalität. Ob "I love you", "je
t'aime" oder "Ti amo" - jedes dieser Herzensbekenntnisse klingt nur noch
nach einer abgespielten Schallplatte, die hunderttausendmal über
den Ladentisch gegangen ist. Wie echt sie auch empfunden sein mögen:
die Beteuerungen von Herzrasen, brennender Eifersucht und ewiger Liebe
sind zu Formeln geworden, denen erst wieder Leben eingehaucht werden muß.
Genau darin besteht die Kunst des Liebesbriefs: die überkommene Sprache
der Liebe gegen den Strich zu bürsten, ihr das Unverhoffte, Unkonventionelle
abzugewinnen. Eingebettet in persönliche Anekdoten, flankiert von
Insider-Anspielungen, gewürzt mit frivolen Wortspielen, hören
ihre Formulierungen dann auf, selbstreferentielle Floskeln zu sein, und
beginnen wieder auf das Du zu verweisen, das sie eigentlich im Sinn haben.
Gerade Emails haben dafür paradoxerweise
die besten Voraussetzungen. Obwohl elektronische Liebespost formal nicht
vom Massenbrief zu unterscheiden ist - und dem Leser stets zu denken gibt:
"Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift
gültig" -, ist gerade ihre Sprache oft individueller, spontaner,
witziger als jedes wohlformulierte handschriftliche Liebesbekenntnis früherer
Zeiten. Oder wie eine Liebesmail-Autorin köstlich verquer in Hilal
Sezgins "Kursbuch"-Artikel an den Geliebten schreibt: Laß uns austauschen
"über heißen Kakao und kühle Sahnespritzer, über
deine Nüsse und meine Intimrasur, über was du immer schon mal
heimlich wolltest und über was so schön hat geprickelt in mein
BauchNaböll."
Das Verschwinden des alten Liebesbriefs
muß nicht kulturpessimistisch beheult werden. Obwohl handgeschrieben,
war er weder ehrlicher noch orgineller. Eines läßt sich aus
dem - wiederholt vernommenen - Bedauern über seinen Untergang aber
doch lernen. Mögen Lentz' Klageworte über den Liebesbrief auch
an Reinhard Meys Requiem für die Maikäfer erinnert: Sie weisen
daraufhin, daß diese ausgestorbene Textgattung in manchen Situationen
zum Mittel der Wahl werden kann. Gerade weil die Leitungen des Internets
vor Liebesbotschaften nur so glühen, gewinnt der Brief, der mit der
guten alten Schneckenpost expediert wird, eine große, suggestive
Bedeutung. Als handverlesener Ausnahmefall läßt er sich mit
einer Botschaft aufladen, die Mails angesichts ihrer Alltäglichkeit
nur schwer erreichen können.
In der laufenden Liebeskorrespondenz, von
der flirtenden Annäherung bis zum postkoitalen Geflüster, sind
Emails nicht zu schlagen. In seismographischer Schnelligkeit zeichnen
sich ihnen all die kleinen Entwicklungen einer Liebe auf. Wer sie vor
der Löschtaste bewahrt und als Datei aufhebt, wird in ihnen später
das Tage-, ja Stundenbuch seines Liebeslebens wiederfinden. Aber für
den besonderen Moment, für manch entscheidendes Bekenntnis, eignet
sich der handgeschriebene Liebesbrief vielleicht immer noch am besten.
Auf Büttenpapier geschrieben, mit Parfüm eingestäubt oder
zu überraschender Stunde vor einer Tür deponiert, kann er heute
die großen Stationen einer Liebe markieren - von der ersten Liebeserklärung
bishin zum Abschiedsbrief.
M.L. Bromberg: "Liebesbriefe. Mit einer Anleitung von Alain de Botton",
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2003, 256 Seiten, 15,- Euro.
"Du bist mir alles Licht und alles Leben" sowie "Du meine Hoffnung, meine
Zuflucht, meine Freude", Sanssouci Verlag, Zürich 2002, je 100 Seiten,
9,90 Euro.
"...ich bin sonst eigentlich ganz vernünftig", Dumont-Verlag, Köln
2004, 200 Seiten, 12,90 Euro.
(Erschienen in "Der Tagesspiegel" am 16.1.2004)
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