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Plädoyer für den Liebestod
Von Norbert Kron
Glaubt man den populären Medien, ist das brennendste Problem, das
sich den Liebenden von heute stellt, der Seitensprung. Kein anderes Sujet
beschäftigt die Illustrierten von "stern" bis "Max" so sehr wie das
"Kavaliersdelikt Fremdgehen", die "heimliche Liebe". Schon reagiert der
Buchmarkt und legt Titel auf, die sich als Ratgeber zum Thema, ja, als
"Anleitung für risikoloses Fremdgehen" verstehen. Die Feststellung,
daß der Seitensprung nicht mehr unter moralischen Gesichtspunkten
in Auge gefaßt wird, sondern als gesellschaftliches Phänomen,
dessen Bedingungen und Folgen pragmatisch beschrieben werden, ist dabei
ebenso banal wie wichtig. Nach einer AOL-Umfrage würden über
50 % der Deutschen einen Seitensprung des Partners verzeihen und erst
bei Wiederholung an eine Aufkündigung der Beziehung denken; und während
nur noch ein Viertel auf Treue besteht, gestatten sich zehn Prozent eine
offene Zweierbeziehung. Der Seitensprung ist kein Tabu, sondern längst
Teil der Beziehungskultur.
Der Umstand, daß die Medien den Seitensprung
nicht aus moralischen Gründen zu ihrem Gegenstand machen, wirft freilich
die Frage auf, warum sonst das Thema derart Hochkonjunktur hat. Natürlich
drängt sich zunächst eine soziologische Erklärung auf:
Das Fehlschlagen der sexuellen Revolution führte zu einem Revival
der Paarbeziehung, ohne daß eine neue Werteordnung an die Stelle
des sexuellen Liberalismus getreten wäre; seither bewegt man sich
in einer Art doppelt codiertem Raum, in dem allein der institutionalisierte
Seitensprung das double bind der Geschlechterwünsche beantworten
kann; die Betroffenen bedürfen nun Rat im Umgang mit den sozialpsychologischen
Folgen der neuartigen Situation.
Interessanter scheint mir ein anderer Blickwinkel:
Medien sind marktwirtschaftlich gesteuerte Systeme. Wenn der Seitensprung
so häufig in ihnen auftaucht, stellt er offensichtlich unter marktwirtschaftlichen
Gesichtspunkten ein Gut dar, das sich verkaufen läßt bzw. zum
Verkauf von Produkten beiträgt. Spätestens seit Michel Houellebecqs
"Ausweitung der Kampfzone" wissen wir, daß die Sexualität im
liberalisierten Kapitalismus dem "Marktgesetz" unterworfen ist und nach
dem Vorbild der Ökonomie verteilt wird: "Der Sex stellt in unserer
Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom
Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens
ebenso erbarmungslose Weise. (...) Wie der Wirtschaftsliberalismus
- und aus analogen Gründen - erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene
absoluter Pauperisierung" (1). Der Seitensprung stellt im Rahmen dieses
sexuellen Marktgesetzes eine privilegierte Lösung des prekären
Verhältnisses von Angebot und Nachfrage dar.
Für einen Autor, der über die
Liebe in unserer Gegenwart schreiben möchte, hat diese Beobachtung
besonderen Reiz. Die Hochkonjunktur und Akzeptanz des Seitensprungs hat
nämlich, literarisch gesehen, eine fatale Nebenwirkung: Sie bedingt
eine Krise des Liebesromans.
Die Literaturgeschichte des Liebesromans
ist eine Literaturgeschichte des Ehebruchs - von Ehebrüchen freilich,
die als Ausnahmefall, als Normverstoß inszeniert werden. Gottfrieds
Tristan wirbt für seinen Herrn Marke um die Hand von Isolde, um diesen
dann zu hintergehen. Die Tragödie von Racines Phèdre beruht
auf ihrer verhängnisvollen Leidenschaft für ihren Stiefsohn
Hippolyte. Werther konnte nur deshalb zum Inbegriff des schwärmerisch
Liebenden werden, weil sein Begehren sich auf eine verheiratete Frau richtet
- ein Motiv, das Goethe in den "Wahlverwandtschaften" unter klassizistischen
Vorzeichen noch einmal neu bewertet: Jetzt bricht Eduard aus dem harmonischen
Lebensbund mit Charlotte aus und verliebt sich hoffnungslos in Ottilie,
die sich von dieser ehebrecherischen Leidenschaft abwendet. Im 19. Jahrhundert
gipfelt die Tradition in der Trias der fremdgehenden Romanheldinnen: Emma
Bovary, Anna Karenina, Effi Briest, die zu Ikonen des Ehebruchs geworden
sind. Jenseits der psychologischen Figurenkonstellation und der konkreten
sozialen Bezüge heben diese drei Werke noch einmal das Grundmerkmal
des Liebesromans hervor: Große, leidenschaftliche Liebe läuft
den Normen des bestehenden Sittengesetzes zuwider, ja, sie lädt sich
an ihnen erst auf und ist deshalb zum Scheitern verurteilt. Mag sie auch
noch so irrational und wahnhaft erscheinen, ihr Absolutheitsanspruch steht
doch im Kontrast zu einem Partnerschaftsmodell, das auf Konvention beruht,
nicht auf wirklicher Liebe. Der Liebesroman zeigt das Aufbegehren des
Individuums gegen die gesellschaftlichen Schranken: Jeder Gefühlsausbruch
markiert einen Ausbruch aus ihnen, und gerade das heroische Scheitern
an den Normen zeigt das Subjekt in seiner kreatürlichen Existenz.
Der Liebesroman ist
also Gesellschaftsroman, woraus er seine eigentliche Anstößigkeit
bezieht. Das Aufzeigen des konflikthaften Verhältnisses von Individuum
und Ordnung verleiht ihm erst eigentlich Gewicht. Es sind die Normen,
die ihn überhaupt ermöglichen, weil sie der Entfaltung des Liebeswunsches
Widerstand entgegensetzen. Neben der Ehe gibt es noch andere Modelle,
um diesen Widerstand zu inszenieren: die Mesalliance, bei der gesellschaftliche
Hierarchien die Vereinigung der Liebenden verbieten, oder - wie bei "Romeo
und Julia" - familiäre Feindschaften. Daß die beliebteste Konstellation
dennoch die Ehe ist, liegt zweifelsohne daran, daß in ihr Konvention
und Begehren zusammenfallen. Hier stellt sich den Liebenden kein der Liebe
äußerliches Regelsystem entgegen, sondern eines, das die Liebe
selbst reguliert. Im Ehebruch kollidiert die Liebe mit ihrer eigenen gesellschaftlichen
Ordnung.
Dieter Wellershoff hat in seinem Buch "Der
verstörte Eros" aufgezeigt, daß sich die Geschichte des Liebesromans
vom 18. bis ins 20. Jahrhundert als ein Prozeß der Emanzipation
von den Liebesnormen lesen läßt. Nach und nach werden die Normen
gesprengt, die das Geschlechterverhältnis regulieren, wird den tabuisierten
und unterdrückten Leidenschaften zum Durchbruch verholfen. War die
Auflehnung gegen die Ehe in Goethes Romanen noch den Männern vorbehalten,
kommt es Mitte des 19. Jahrhunderts zur Geschlechteremanzipation: "Die
sich ihrer Bedürfnisse inne werdende, nach Gefühlswahrheit und
Intensität strebende weibliche Subjektivität immer noch einzelner
Frauen stößt sich nun an den normativen Grenzen, die bisher
von Frauen gegen männliches Begehren verteidigt wurden ... Jetzt
revoltieren die Frauen, verstrickt in ihre Widersprüche, gegen die
institutionelle Moral, die von den Männern, den Inhabern der gesellschaftlichen
Macht gehütet wird" (2). Wenn dabei auch "die großen traditionellen
Themen von Liebe, Leidenschaft und Ehebruch mit einem neuen, wirklichkeitsnahen
Blick dargestellt" wurden, wurde dennoch immer ein Thema ausgeklammert,
das in der modernen Literatur zunehmend zum Hauptgegenstand wurde: "die
körperliche Vereinigung der Liebenden" (3). Von Joyce's "Ulysses"
über Lawrence' "Lady Chatterley's Lover" bis hin zu Nabokovs "Lolita"
und Millers "Wendekreis des Krebses" zeichnet die Literatur, so Wellershoff,
die Geschichte der sexuellen Revolution nach oder treibt sie selbst mit
voran. Was einst die Rolle der Liebe war, ist Sache der Sexualität
geworden. Es ist der Sexus, der nun das utopische Moment von Wahrheit
und Absolutheit für sich beansprucht und sich gegen die bürgerliche
Sittlichkeit auflehnt. Sexuelle Befreiung meint gesellschaftliche Befreiung.
So funktioniert das traditionelle Modell
des Liebesromans bis in die sechziger Jahre hinein - auch wenn der Begriff
selbst dabei immer fragwürdiger wird. Denn die Liebe hat ihre tabubrechende
Kraft eingebüßt, ist selbst zur offiziellen Vorgabe bei der
Partnerwahl geworden. Sie ist kein Tabu mehr, sondern angestrebte Normalität.
An die Stelle der Zweck- oder Vernunftehe ist die Liebesehe getreten,
die jederzeit aufgekündigt werden kann, sobald die Liebe endet.
Doch in den wenigen Jahrzehnten, die seither
vergangen sind, hat die Sexualität dasselbe Schicksal ereilt wie
vor ihr die Liebe. Der Enttabuisierungsprozeß, den die Literatur
mitgetragen hat, erfaßte in den sechziger Jahren auch die letzte
Region des Intimen. In Updikes Roman "Couples" wird, so Wellershoff (4),
"promiskuitive Sexualität als ein mehr oder minder anerkannter Normalzustand
dargestellt"; auch hier spiegelt die Literatur die gesellschaftliche Geschlechterordnung
wider. In den neunziger Jahren schließlich ist es Michel Houellebecq,
der die neue Geschlechterbefindlichkeit im liberalisierten Kapitalismus
als eine Realität beschreibt, die geprägt ist von der "Auflösung
des Paares und der Familie, das heißt, der beiden letzten Gemeinschaften,
die das Individuum vom Markt trennten"(5). Sämtliche sozialen Schranken,
alle Normen und Werte, die das Terrain der Liebe einst regelten, sind
verschwunden. Gefühl und Sexualität sind zur Währung im
sozialen Geschlechterkampf geworden. Die Zuordnung dieses Humankapitals
unterliegt dem Sozialdarwinismus des "Marktgesetzes": "In
einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht
oder schlecht seinen Bettgenossen", schreibt Houellebecq. "In einem völlig
liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes
Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.
Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt,
er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet
der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung
auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen".
Ähnlich analysieren Alexander Kluge
und Oskar Negt in einem Kapitel von "Geschichte und Eigensinn" die neuen
Privatverhältnisse": "Das kapitalistische Prinzip und sein spezifischer
Elan sind in den Beziehungsverhältnissen ... in enormem Umfang tätig."
In der Sphäre des Privaten wird nach Kluge und Negt das ökonomische
Prinzip, das im öffentlichen Leben herrscht, freilich nicht einfach
nur verdoppelt; das Private erhält seine enorme Bedeutungsaufladung
im Gegenteil dadurch, daß die Gesellschaft den Menschen keinen sinnstiftenden
Rahmen mehr anbietet. Geschäftig wird in den Privatverhältnissen
Ersatz gesucht für das, "was das gesellschaftliche System nicht erfüllt.
Währenddessen ist der gleiche Elan aus dem ökonomischen System
ausgewandert" (6). Der "Zerfall traditioneller Öffentlichkeit" führt
zu "einer Art Heißhunger der Beziehungsarbeit, der Glückssuche
im Privaten" (7).
In der deregulierten Ordnung des liberalisierten
Kapitalismus, die auf den Tauschwert des Humankapitals ausgerichtet ist,
ist es daher gerade nicht die Maximierung von Partnertausch und Promiskuität,
die dem freigesetzten Individuum Befriedigung verspricht. Es ist die Liebe,
die zur Mangelware wird und Fetischcharakter bekommt. Bis vor kurzem wäre
Liebe in Houellebecqs Romanen unvorstellbar gewesen. In "Elementarteilchen"
ist sie zwar für beide Hauptfiguren, Bruno und Michel, als eine Art
utopischer Bezugsfolie vorhanden, die sich hinter der totalen sexuellen
Ausschweifung oder in der Erinnerung an versagt gebliebenes Jugendglück
andeutet. An ihre befriedigende Einlösung in der Realität ist
aber nicht zu denken. In einem Interview, das ich mit dem Autor im Sommer
2001 führte, äußerte sich Houellebecq entsprechend: "In
'Elementarteilichen' habe ich sogar die These aufgestellt, die Männer
seien per definitionem nicht zur Liebe fähig - was so ziemlich die
Wahrheit ist, denke ich. Einzig dazu in der Lage ist ein kleiner - übrigens
abnehmender - Teil der Frauen. Aber es ist wahr: Die Idee der Liebesheirat
ist als Katastrophe anzusehen" (8).
Umso erstaunlicher, daß Houellebecqs
jüngster Roman "Plattform" als "der erste Liebesroman" (9) des Autors
präsentiert wird. Und tatsächlich schildert er erstmals eine
funktionierende Liebesbeziehung im sexuellen Liberalismus. Der Ich-Erzähler
erlebt mit seiner Freundin Valérie "Glück" und "Liebe". Zwar
läßt sich für Valérie, die in der Touristikbranche
arbeitet, der Widerspruch zwischen privatem Leben und gesellschaftlichem
System zunächst nicht aufheben: "Ich bin glücklich mit dir,
ich glaube, du bist der Mann meines Lebens, und im Grunde möchte
ich mich damit zufriedengeben. Aber das ist nicht möglich: Ich darf
mich nicht damit zufriedengeben. Ich bin in ein System verstrickt, das
mir nicht mehr allzuviel gibt und von dem ich im übrigen weiß,
daß es unnötig ist; aber ich weiß nicht, wie ich ihm
entkommen soll" (10). Doch dann finden die beiden eine doppelte Antwort
auf das Marktgesetz der Sexualität, eine öffentliche und eine
private. Während sie den Aufbau von Sexclubs für Pauschaltouristen
planen, die Prostitution also zur legitimen Lösung des Sexualproblems
in der globalisierten Marktgesellschaft erheben, grenzen sie sich in ihrer
Beziehung immer mehr gegen diese ab. Sie wollen sich in Thailand niederlassen
und dort einen solchen Club leiten. Als Paar, das den Partnertausch pflegt
und sich dennoch zueinander bekennt, wären sie so gegenüber
den Gesetzen des Wirtschaft autark.
Entscheidend ist jedoch die Schlußwendung,
die Houellebecq dieser überraschenden Idylle gibt. Kaum ist der Entschluß
zum zweisamen Liebesexil gefallen, explodiert eine Bombe im Sexferienclub,
von islamistischen Attentätern deponiert, und reißt Valérie
in den Tod. Dabei ist weniger die pessimistische Färbung von Interesse,
wodurch die Liebe erneut zur unerreichbaren Utopie erklärt wird.
Bedeutsam ist, daß der Roman mit diesem kolportagehaften Ende wieder
an die Logik des traditionellen Liebesromans anknüpft, nach der der
Tod eines oder beider Liebenden unverzichtbarer Höhepunkt der Handlung
ist. Ehebruch als Auflehnung des großen Gefühls gegen die sittliche
Ordnung - das ist die eine Seite des Liebesromans. Die andere Seite ist
der Tod. Er ist der Preis, der für diesen Verstoß zu zahlen
ist. Die absolute Liebe fordert stets ihren Blutzoll. Der Tod ist das
Regulativ, das die Gefühlskontrolle wiederherstellt, die durch die
Leidenschaft (oder Sexualität) in Frage gestellt wird. Oder an den
Kategorien der Marktgesellschaft gemessen: Er ist der einzig gültige
Tauschwert der Liebe. Nur wo mit dem Leben bezahlt wird, ist Liebe groß
und wahr.
Auch zeitgenössische Liebesromane
ziehen den Tod nicht selten als Gradmesser der Gefühlstiefe heran.
Doch es gibt einen gravierenden Unterschied zur Tradition. Noch deutlicher
als bei Houellebecq läßt er sich am Roman eines deutschen Autors
ablesen, an Ulrich Woelks "Liebespaare". Woelk beschreibt die Beziehungskrisen
mehrerer Ehepaare. Nach rund fünf Jahren Ehe haben die Partner das
anfängliche Verliebtheitsgefühl eingebüßt. Als Ausweg
aus dem Alltagstrott bieten sich Seitensprünge an. Weit entfernt
von den dramatischen Gefühlswallungen, die mit dem Ehebruch in der
Tradition des Liebesromans einhergegangen sind, stellt sich ihnen die
Realität des Fremdgehens als spielerisches, verwirrendes oder banales
Unterfangen dar, das das vermißte sexuelle Glück beschert,
bald aber in ein Gefühl der Heimatlosigkeit umschlägt. Die Konsequenzen
bleiben im Rahmen des geltenden Beziehungspragmatismus. Man trennt sich,
geht sich aus dem Weg. So vage der Begriff der Liebe in diesem Kontext
bleibt, so unvorstellbar ist der Tod als Sanktion der Ehebrüche.
Und doch macht auch Woelk den Tod noch einmal zum finalen Maßstab
der Romanereignisse. Bei einem Flugzeugabsturz kommt einer der Ehemänner
ums Leben, ein Ereignis, das gerade in seiner Akausalität Fragen
aufwirft. "Niemand war es. Der blinde Zufall" (11). In einer Welt, in
der die Liebe zum quotenträchtigen Hauptthema einer Vorabend-Soap
geworden ist, deren Storyliner einer der Protagonisten ist, kann nur ein
Unfall, ein arbiträres Zufallsereignis, die klassische Dialektik
von Liebe und Tod gewährleisten: "Wo die Liebe hinfällt, wo
der Tod hinfällt" (12). Am Ende beginnen mindestens zwei Paare von
vorn.
So realistisch und gewitzt Woelk die Beziehungsverhältnisse
um die Jahrtausendwende beschreibt: Die Problematik des literarischen
Genres zeigt sich an der Art, wie er den Tod als "thanatos ex machina"
aus dem Schnürboden seines Romankosmos stürzen läßt.
Und nicht anders tritt der Tod auch bei Houellebecq auf. Zwar ist der
Terroranschlag in "Plattform" aus der Logik weltanschaulicher Konflike
motiviert: Der religiöse Fundamentalismus schlägt gegen den
liberalisierten Kapitalismus und seinen globalen Hegemonialanspruch zurück.
Wie ein parasitärer Pilz gedeiht die Liebe von Michel und Valérie
auf der Grundlage der expansiven Ausbeutung, mit der die westliche Welt
ihr exotisches Lumpenproletariat zur Prostitution zwingt. Keine Gefühlswahrheit
steht hier gegen die falschen Verhältnisse. Es gibt kein richtiges
Leben im falschen, und erst recht keine richtige Liebe.
Doch die kolportagehafte Inszeniertheit
des Finales springt ins Auge. Allzu erkennbar ist es der fädenziehende
Autor, der die Bombe platzen läßt. Der entscheidende Kerngedanke,
der den Tod traditionell an die Liebe koppelt, fehlt in der zeitgenössischen
Literatur: die Idee der Selbstaufopferung. Im traditionellen Liebesroman
hatte der unbedingt Liebende stets zwischen zwei Möglichkeiten zu
wählen: der Liebe ganz zu entsagen oder den Freitod auf sich zu nehmen.
Von Werther bis Anna Karenina bleibt den Zurückgewiesenen nur der
letzte Schritt. Wo die Liebe Erwiderung findet, aber von den gesellschaftlichen
Schranken verhindert wird - wie bei Tristan und Isolde oder Romeo und
Julia -, zieht der Tod des einen automatisch den des anderen nach sich.
Bei Houellebecq und bei Woelk wäre
solch ein Finale undenkbar: Die Hinterbliebenen trauern oder delirieren
eine Weile. Aber so wie der Tod von außen hereinbricht, erscheint
er keinem als Mittel der eigenen Wahl. Oder wie es am Ende von "Plattform"
heißt: "Die fehlende Lust am Leben reicht leider nicht aus, um sterben
zu wollen" (13).
Der Gedanke des Verzichts ist der schrankenlosen
Welt des Individualismus fremd. Verzicht stört den Konsum, jene unaufhörliche
Verschwendung, auf der die Marktgesellschaft basiert. Das gilt auch für
das Private und sein "Marktgesetz". Niemand "entsagt" zugunsten höherer
Interessen. Der Seitensprung wird akzeptiert. Das eigentliche Tabu ist
der Tod.
Die Individualgesellschaft ist nicht nur
auf die Ausblendung, sondern auf die Abschaffung des Todes fixiert. Er
ist in der Welt der totalen technischen Machbarkeit der Schönheitsfehler,
das letzte störende Problem; an seiner Lösung wird gearbeitet.
Er besitzt damit grundsätzlich die Qualität eines "Unfalls".
Die hektische Ursachenforschung, die sich an jedes Großunglück
anschließt, gilt stets der Suche nach dem Fehler, der das Auszuschließende
zuließ. Manisch ist die Gentechnik auf die industrielle Herstellung
von Unsterblichkeit ausgerichtet. Aber wenn schon der Tod als letzte zu
überwindende Negation begriffen wird - wieviel verstörender
müßte erst der Akt der Selbstaufopferung sein, diese radikalste
Form des Verzichts? Der Tod ist ein Unfall, der noch nicht zu vermeiden
ist. Ein Mord läßt sich aus Affekten oder egoistischen Motiven
erklären. Die Selbstaufopferung zugunsten höherer Interessen
dagegen ist für die auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Marktgesellschaft
das Unbegreifbare schlechthin.
Wer heute einen Liebesroman schreiben will,
der muß über den Tod schreiben - über unser Verhältnis
zum Tod. Darüber läßt sich aus der Tradition neu lernen,
in der der Tod noch ein Topos des Liebesdiskurses war. In den "Wahlverwandtschaften"
sagt Eduard zur sterbenden Ottilie: "Soll ich deine Stimme nicht wieder
hören? Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben zurückkehren?
Gut, gut! Ich folge dir hinüber: da werden wir mit andern Sprachen
reden!" (14).
Wären wir bereit, für den Geliebten
zu sterben? - Vielleicht wäre dies die Frage, die ein Liebesroman
heute zu stellen hätte.
(Erschienen in "Akzente" 4/2002)
Anmerkungen:
1 Reinbek (Rowohlt) 2000, S. 108.
2 Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2001, S. 108.
3 ebd., S. 189.
4 ebd., S. 278.
5 "Die Welt als Supermarkt", Reinbek (Rowohlt) 1999, S. 86.
6 Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1998, S. 899.
7 ebd., S. 878.
8 "Sprache im technischen Zeitalter", Nr. 157, hg. von Walter Höllerer,
Norbert Miller und Joachim Sartorius, Berlin (LCB) 2001, S. 28.
9 Umschlagtext, Köln (Dumont) 2001.
10 ebd., S. 155.
11 Hamburg (Hoffmann und Campe) 2001, S. 422.
12 ebd., S. 426.
13 "Plattform", S. 329.
14 München (dtv) 1963, S. 216.
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