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Das Medium erkennt sich selbst
Ende der Feigheit: Ein Gespräch mit Rainald Goetz über die schöne bunte Fernsehwelt und seinen Auftritt im ZDF-Nachstudio

Von Norbert Kron                                           

 

 

                                       (Erschienen in "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" vom 5.9.2001)

                                                     

 

Es ist ein ungewöhnliches Gespann, das da durch die schmalen Straßen in Berlins Mitte geht: der große elegante Fernsehmann im dunkelgrauen Anzug - und der kleine drahtige Schriftsteller in der Bundeswehr-Jacke, der sein Mountainbike neben sich her schiebt. Zusammen marschieren sie von den Redaktionsräumen an der Friedrichstraße hinüber in den repräsentativen Gewerbehof unter den Linden, wo die Hauptstadtstudios des ZDF liegen. „Ist ja ‘ne richtige Rennmaschine, die Sie da haben.“ - „Na, eher was, mit dem man gut durch die Stadt heizen kann.“

Die beiden verbindet ein ausgefallenes Fernsehvorhaben. Als „eine Art historisches Projekt“ bezeichnet es der Leiter des ZDF- nachtstudios Volker Panzer, der sich selbst zur Generation der 68er zählt. Und sein Kompagnon Rainald Goetz, der mit Mitte 40 immer noch als Popliterat und enfant terrible gilt, betrachtet das Ganze als „ästhetisches Produkt“, dessen „experimenteller Charakter in den Bereich des Künstlerischen führt“ - eine Art Fernsehkunstwerk also.

Tatsächlich ist es ein Novum, was die nachtstudio -Redaktion für ihre ersten drei Ausgaben nach der Sommerpause plant. Nach Vorbild des „Literarischen Quartetts“ werden vier Journalisten und Autoren über ausgewählte Sendungen des deutschen Fernsehens debattieren - live. Die ganze TV-Palette wird in den Gesprächen abgedeckt, vom „heute-journal“ bis zum „Großen IQ-Test“, von „Das sündige Mädchen“ bis „kulturzeit“. Es soll erörtert und kritisiert werden, philosophiert und gestritten. Und das Kuriose dabei: Die Rolle des Marcel Reich-Ranicki übernimmt kein anderer als Rainald Goetz selbst. Ausgerechnet jener umstrittene Schriftsteller, der Medienauftritte meidet wie der Teufel das Weihwasser. Wie hat Panzer das geschafft? Wie hat er Goetz ins nachtstudio gelockt, dessen zuweilen verblasene Intellektualität so gar nicht in die marktorientierte Welt des heutigen Fernsehens paßt?

Ein Jahr ist es her, da las Panzer „Dekonspiratione“, das jüngste Buch von Goetz. In ihm fabuliert der Autor von einer Talkshow zum Thema Fernsehkritik. Panzer nahm Goetz beim Wort, sprach ihn bei einer Lesung in Frankfurt an und schlug ihm vor, die Fiktion Wirklichkeit werden zu lassen - aber „da wollte er das gar nicht“. Doch wer Goetz dieser Tage in der ZDF-Redaktion erlebt, scheint es selbst mit einem besessenen Fernsehmacher zu tun haben. Er führt das Wort, rauft sich die Haare und rennt auf und ab, wenn Panzer und sein fünfköpfiges Team im fensterlosen Sitzungszimmer tagen. Er zerbricht sich den Kopf über den Sendeablauf und erteilt Anweisungen für die Kameraführung, ein TV-Visionär, der sich nur durch sein „Chance-2000“-T-Shirt von den schwarzgewandteten ZDF-Redakteuren unterscheidet. „Ich sehne mich schon so lange danach“, sagt er, „daß Leute, die ich interessant finde, darüber reden, was sie im Fernsehen gesehen haben und wie sie das beurteilen.“ Aber nicht um die Kritik einzelner Formate geht es ihm. Die ausgewählten Sendungen dienen vielmehr als Anschauungsmateriel für eine grundsätzliche phänomenologische Erörterung unserer Fernsehwahrnehmung: Was macht das Fernsehen mit uns? Und wie macht es das? Oder wie Goetz es formuliert: „Das Thema ist die Frage, inwieweit Kriterien, die unterschwellig in ganz vielen Urteilsvorgängen präsent sind, explizit verbalisiert werden können.“

Panzer ist sich der Paradoxie des Projekts völlig bewußt. Er, der als Gewährsmann gern Niklas Luhmann anführt, der als „Beobachter zweiter Ordnung“ den „blinden Fleck“ seines Mediums ins Auge fassen will, weiß: „Das Pikante ist natürlich, das wir es im Fernsehen tun, daß es ein selbstreferentielles System ist.“ Und ist das nicht der entscheidende Unterschied zur Vorbildsendung, dem „Literarischen Quartett“? Besteht dessen Reiz nicht genau darin, im Fernsehen ein nicht visuelles, nicht faßbares Medium zur Debatte zu stellen, die Literatur eben?

Auch Goetz hat die kritische Distanz immer gewahrt. Von Anfang an hat er in seinen Büchern die Medien thematisiert - sich aber selbst konsequent von ihnen ferngehalten. Seit seinem skandalösen Auftritt beim Klagenfurter Bachmann-Preis 1983, als er sich vor laufenden Kameras in die Stirn schnitt, hat er nie wieder ein Fernsehstudio betreten. Er verfolgt das Weltgeschehen aus der Position des zurückgezogenen Beobachters, der auch Presse und Fernsehen zu einem Dauergegenstand seiner literarischen Observation macht. „Was wir über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir aus den Massenmedien“, schreibt Niklas Luhmann am Anfang seiner medialen Systemtheorie - ein Satz, der für Goetz im wörtlichen Sinn Programm ist: tägliches Fernsehprogramm. „Ich sehe wirklich so viel und so ununterbrochen fern, wie ich kann - und da ich natürlich hauptsächlich an anderen Dingen arbeite, kann ich es oft gar nicht genügend tun, so wie früher. Da hab ich zum Teil ganze Tage ferngesehen.“

Über ein Jahr lang schrieb Goetz beispielsweise vor dem Fernseher die Ereignisse von „1989“ mit, um sie als dreibändige O-Ton-Sammlung auf 1.600 Seiten zu veröffentlichen. Und schon seit seinen ersten Texten fotografiert er den TV-Schirm ab, preist die „unvergleichlich schönen Bilder“ und die „herrliche Aktualität des Fernsehens!“ Doch „Dekonspiratione“, das Buch, in dem Goetz die Idee zur jetzt realisierten Talkshow entwickelt, dokumentiert, daß dem Autor die emphatische TV-Bejahung abhanden gekommen ist. Von einer Schreibkrise ist dort die Rede, die auf einer Fernsehkrise beruht. Die Berichterstattung über den Bosnien-Krieg geriet in Goetz’ Augen zur medialen Apokalypse: „Es war wirklich das Schlimmste“, erzählt er heute, „was ich in meinem erwachsenen Leben an politischer Emotionalität und Totalität erlebt habe. Und nun geht es genau um die Frage: Was tun die Bilder bei diesen Dingen und inwiefern ist die Gewalt der Bilder verbal eigentlich nicht konterbar?“

Goetz’ erster Talkshow-Auftritt ist Teil seines Werks und sucht eine Antwort auf die krisenhafte mediale Situation. Der Autor, der keine Distanz mehr zum Medium einnehmen konnte, geht ins Fernsehen, um die Bilder wieder zum Sprechen zu bringen. Und Volker Panzer stellt ihm dafür, wie er sagt, „die Experimentierbühne nachtstudio“ zur Verfügung - für drei volle Sendungen. Diese Entschlossenheit des ZDF-Mannes überzeugte Goetz endgültig. Bei der Pressekonferenz sitzen die beiden den versammelten Journalisten gegenüber und geben sich gegenseitig Rückendeckung. Man merkt, sie respektieren, sie verstehen sich. Das ungewöhnliche Gespann hat sich auf ein Fernsehwagnis eingelassen, bei dem jeder auf den anderen angewiesen ist. „Was passiert, ist offen“, sagt Panzer. „Wir gehen beide ein Risiko ein, auch ich. Kann durchaus sein, daß wir unsere Klientel verlieren.“ Und Goetz fügt hinzu: „Es geht darum, nicht zu feig zu sein, das, wovon man intellektuell träumt, in der Realität durchzuprobieren - auch wenn man mehr von seiner Persönlichkeit hergibt, als man es je über die Schrift tun würde.“

In Goetz’ Buch wird die Talkshow-Idee am Ende verworfen, weil die Fernsehsender nicht mutig genug für das unzeitgemäße Format seien. Das nachtstudio hat die Herausforderung angenommen - eine Herausforderung, die dem Medium Fernsehen selbst gilt. Außer Panzer und Goetz wird in jeder Sendung der Journalist und Theaterautor Moritz von Uslar mit von der Partie sein, dazu als wechselnde Gäste die Schriftstellerinnen und Fernsehkritikerinnen Alexa Hennig von Lange, Klaudia Brunst und Barbara Sichtermann. Die hFrage, die sie zusammen zu beantworten haben, ist weniger, ob das eine oder andere TV-Format gelungen ist - sie lautet vielmehr, wo das Fernsehen heute steht, ob es mehr als ein Apparat der Emotionserzeugung ist: ein Medium, das sich selbst zu reflektieren, selbst zu erkennen vermag.

 

                                                                                                  (Foto: Norbert Kron)