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TIME OUT BERLIN
Mit ausländischen Reiseführern auf Sightseeing
von Norbert Kron
"Let's Go Berlin" - oder: "Get to know the german capital in just a few
days"... Es ist ein heißer Julitag, und ich habe mich zu einer "Escapade
à Berlin" aufgemacht, wie es der Titel des Mini-Guide Michelin
formuliert, einem touristischen Kurztrip durch die eigene Stadt. Mein
Ziel: Sightseeing, Shopping, Nightlife - und natürlich so viel wie
möglich über Land und Leute erfahren...
Die Idee zu diesem Selbstversuch kam mir vor
ein paar Wochen. Englische Freunde, die mich in Berlin besucht hatten,
hatten mir ihren Reiseführer zurückgelassen. Einige Tage lang
lag er in der Wohnung herum - bis ich ihn an einem Sonntag mit auf den
Weg in die Stadt nahm. Und siehe da: Der fremdsprachige Reiseführer
verwandelte sich in meiner Hand in eine versteckte Kamera, mit der ich
das Heimatland observierte. Was ich feststellte, war die paradoxe Tatsache:
daß dem Einheimischen die eigene Stadt am unbekanntesten ist, weil
er sie wie den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht
mehr wahrnehmen kann. Der Tourist dagegen sieht sie, wie sie ist: schockhaft
neu, fremd und unverstellt, vermittelt nur durch die Brille seines Reiseführers.
Ich besorgte mir also gleich ein halbes Dutzend
von ihnen, wie eine Ausstattung von Objektiven, die ich vor meine von
Berlin-Bildern abgenutzte Kopfkamera schraube. "Berlino Meridiano", "Berlin
Autrement", "The Rough Guide to Berlin". Schon sitze ich im 100er-Bus,
schaukle inmitten japanischer und italienischer Familien an den "Top Ten
Attractions" vorbei. Fernsehturm und Nikolaiviertel, Dom und Friedrichstraße.
Von hier oben, aus dem überfüllten Oberbeck, in dem ich wie
ein Wolf im Schafspelz des Touristen hocke, beginnen diese tausendmal
gesehenen Gebäude eine neue Bedeutung anzunehmen, eine Präsenz,
der sie wieder aus dem Kulissendasein meines Alltags herauslöst.
Und durch die Punktewertung, mit der ihnen die Reiseführer einen
historischen Rang zuschreiben, werden sie vergleichbar in Hinblick auf
die Städte, aus denen diese Mitreisenden kommen, mit ihren über
die Schulter geworfenen Pullovern und New-Balance-Turnschuhen. "Île
des Musées" - trois points. "Porta di Brandenburgo" - due punti.
Und siehe da: "Rikes-Tag" - only one point!
Am überraschendsten bei diesem Eurovision-Contest
der Sehenswürdigkeiten: Der Potsdamer Platz rangiert nicht mal unter
den "Top Ten" der Reiseführer-Charts. Ein städteplanerisches
"Wagnis zum Mittelmaß" ("Time Out Berlin"), gilt er allenthalben
als Exempel der überwiegend gesichtslosen neuen Berliner Architektur.
Stattdessen lenken vor allem die dicken Reisehandbücher den Blick
auf die abgelegenen architektonischen Highlights an den Randbereichen
der Stadt. Ein guter "Guide" verändert eben nicht nur den Blick auf
das Allzubekannte - er eröffnet auch dem Einheimischen neue Einblicke,
vermittelt unbekanntes Wissen: idealer Anstoß, sich auf die Suche
nach dem wirklich Fremden in der Heimatstadt zu machen - durch Kreuzberger
Nebenstraßen zu flanieren oder das "inspirierende und mutige" Science
and Business Center in Adlershof zu erkunden.
Nach kulturbeflissenem Sightseeing ist die zweite
Tageshälfte für die entspannenden Dinge des Lebens reserviert.
Shopping in Berlin? Dem ausländischen Vorurteil zufolge sieht es
da duster aus, zappenduster. Der gnadenlose zweite Blick der Reiseführer
fördert Verblüffendes zutage: wenn sich als besonders dunkles
Kapitel ausgerechnet jener Konsumtempel entpuppt, der stets als Preußens
Antwort auf Harrod's und Macy's gilt: das KadeWe. Und es stimmt: Wer ins
Herz der Shopping-Finsternis vorstößt, findet nicht jenes westliche
Einkaufs-Mekka wieder, dessen Erstürmung durch die Pilgerscharen
des Ostens allenthalben kolportiert wird - er entdeckt mit "Time Out"
eine schnöde Riesen-Kaufhalle, einen First-Class-Woolworth, dessen
Dekor "schäbig" und dessen Angebot "allenfalls durchschnittlich"
ist. Doch siehe da: Für den Rest der Stadt sehen die spitzen Federn
des britischen Reiseführers nicht so rabenschwarz: Im Gegenteil,
im Scheunenviertel haben sie eine wahre Götterdämmerung neuer,
junger Berliner Designer mit ihren Szeneboutiquen ausgemacht - und die
Friedrichstraße ist in ihren Augen drauf und dran, zu einer deutschen
Fifth Avenue zu werden.
Fifth Avenue? Vielleicht braucht es englischen
Humor, um das zu verstehen. Vielleicht sind es überhaupt die Mißverständnisse
und Fehlurteile, die die unkenntlich gewordene Heimatstadt am meisten
erhellen. Keine Frage: Je dünner ein Reiseführer, desto dümmer
- und dafür umso unterhaltsamer. Ein "Guide", mit dem man die eigene
Stadt besichtigt, sollte entweder die umfassende und kritische Bedienungsanleitung
der Stadt bieten wie "Time Out" - oder aber vor Vorurteilen und Klischees
nur so strotzen. Wie komplex unsereinem die Multikulti-Metropole auch
erscheinen mag: auf 80 Berlitz-Seiten schrumpft selbst die größte
Weltstadt auf piefiges "Pocket"-Format zusammen. Und im Mini-Michelin
wird der weltläufige Franzose vor einer Law-And-Order-Mentalität
gewarnt, die Verstöße gegen die heilige Straßenverkehrsordnung
mit saftigen Geldstrafen belegt. So sind wir Deutschesten aller Deutschen,
wir Berliner, eben immer noch: Wir essen am liebsten Linsensuppe, tragen
Weste und Kravatte nur in Casinos - und überqueren niemals bei Rot
die Straße!
Erschöpft vom Shopping lasse ich mich denn
in jenem Café Savigny nieder, das mir eben jener Mini-Michelin
empfiehlt. Ich folge dem Vorschlag umso neugieriger, als mir dort eine
ganz neue Berliner Aussicht verheißen wird, der "Blick auf den Landwehrkanal"...
Ich bekomme von der beschlipsten Kellnerin (Casino oder was?) einen wirklich
exzellenten Café au lait serviert - aber vor meinen Augen fließt
nach wie vor nur der Cabrio-Verkehr der Grolmannstraße. Immerhin:
Als ich meine Tischnachbarin grinsend auf den Fehler aufmerksam mache,
schenkt diese mir ein blond gerahmtes Lächeln, das uns in ein Geplauder
über Gott und die Weltstädte führt. Merke: Schlechte Reiseführer
sind gute Kontaktmacher. Und am meisten über Land und Leute lernt
man immer noch bei einem Flirt mit der eingeborenen Urbevölkerung.
So neigt sich ein wundersamer Berlin-Trip dem
Ende entgegen. J'aime Berlin, I love Berlin! Ich werde wieder kommen -
mit neuen ausländischen Reiseführern in der Hand. Denn es gibt
noch viel zuhause zu entdecken: Charlottengrad etwa, das "Neue Russische
Berlin", das dem Interessierten in einem zweisprachigen Stadtführer
nahegebracht wird, mitsamt all seiner russisch-orthodoxen Kirchen, dubiosen
Galerien und parfümierten Nagelstudios. Oder Berlin "Made in Japan":
wo die Hieroglyphen einer fremden, unverständlichen Schrift die Stadt
in eine Dada-Kapitale verwandeln, deren Sehenswürdigkeiten nur mit
konkreter Poesie zu beschreiben sind.
Und auch das Nachtleben kann noch unverhoffte
Seiten bergen, wenn man sich auf die Weisungen der Reiseführer verläßt.
Ich meide den "Kurvenstar", einen "Treffpunkt zweitrangiger DJs und fashion
victims auf dem vergeblichen Fluchtweg ihrer provinziellen Vergangenheit"
("Time Out"), und betrete zum erstenmal in meinem Leben das "Big Eden":
Berlins "Nummer-Eins-Disco", in der "Filmstars und Politiker Schulter
an Schulter mit Einheimischen und Touristen" tanzen ("DK Travelguide").
Es wird ein Trip in die heile Welt der Klischees, ins Paradies der Disco-Lügen,
in dem die Bilder von der Wirklichkeit und die Wirklichkeit zusammenfallen.
So ist es: Eine Stadt hat so viele Seiten, wie es Reiseführer über
sie gibt. Und was immer darin schwarz auf weiß geschrieben steht:
Es ist wahr.
Nachts auf der Heimfahrt, als ich dem Busfahrer einen Geldautomaten-frischen
Zwanziger hinhalte und ihm müde "short trip" zumurmle, schaut der
mich über seinem Berliner Schnauzer wie ein Kampfhund an, für
den die Leinen- und Maulkorbverordnung Chinesisch und Latein zugleich
ist. Er fletscht die Zähne, stiert mit tropfenden Lefzen auf das
Buch in meiner Hand. "Let's Go Berlin". Und winkt mich dann mit einem
schmerzverzerrten Knurren durch.
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