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Der Himmel auf Erden
Warum ich die Vogue lese
Von Norbert Kron
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Worauf achten Sie bei einem Mann zuerst - und worauf bei einer Frau?
Wären Sie manchmal gern eine Person des anderen Geschlechts? Was
würden Sie vorziehen: eine Partnerschaft ohne Sex oder eine ohne
Liebe? - Mit solchen "Fragen ohne Antworten", die Prominente den Lesern
stellen, schließt jedes Heft der Vogue, und ebenso reizvoll wie
die Lektüre dieser Fragen ist es für mich immer gewesen, mir
zu überlegen: Welche Fragen ohne Antwort trage ich mit mir herum?
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Eine der großen Lügen des zuendegegangenen Jahrhunderts ist
die von der Angleichung der Geschlechter. Der Hermaphrodit, der androgyne
Mensch, das Unisex-Model sind Märchenfiguren der gescheiterten sexuellen
Emanzipation. In Wahrheit regiert das Verhältnis von Mann und Frau
noch immer der Geschlechterunterschied. Männer denken, lieben, kaufen
nach einem männlich codierten Wunsch- und Handlungsmuster, Frauen
nach einem weiblich codierten. Der Beweis dafür läßt sich
ablesen an der Gegensätzlichkeit von Männermagazinen und Frauenzeitschriften.
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Ich kann kein genaues Initialerlebnis benennen, an dem ich mich für
Modezeitschriften zu interessieren begonnen habe: Aber ich weiß,
daß mich ihre Lektüre in den Wartesesseln der Zahnärzte
und Friseure schon immer sehr unterhalten hat. Und wenn ich mit einer
Freundin wegfuhr, war es immer ein Signal des Urlaubsbeginns, wenn ich
im Flugzeug in ihrer Amica oder Elle blätterte. Das Lesen einer Frauenzeitschrift
bedeutet den erlaubten Eintritt in die weibliche Intimzone, jenen tabuisierten,
nie gesehenen Raum der Frau, der für Schuljungen stets von der Frage
symbolisiert wird: Mit welchen Sprüchen beschriften die Mädchen
die Toilettenwände? Wer eine Frauenzeitschrift liest, kann diese
Beschriftung wie ein Voyeur einsehen, er tritt gleichsam mit einer Tarnkappe
in den Kreis des anderen Geschlechts und hört, wie dort über
Sexualität gesprochen wird, über Männer, über einen
selbst also.
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Männermagazine wie GQ oder Men's Health kreisen um drei zentrale
Themenkomplexe: Technik, Karriere, Sex. Es gibt keine Modezeitschriften
für Männer. Der Versuch, eine Männer-Vogue zu etablieren,
scheiterte an einem evidenten Problem: Männer wollen zwar durchaus
über Mode informiert sein - aber mehr als zehn Seiten Anschauungsunterricht
in Stilfragen, vorgeführt von gutaussehenden Männermodels, konfrontiert
sie mit dem Homosexualitäts-Tabu der heterosexuellen Männlichkeit.
Jedes Männermagazin benötigt im Gegenteil seine Pin-Up-Strecke.
Es entpuppt sich als verbrämte Light-Ausgabe des Playboy - während
Frauenzeitschriften gewissermaßen das Gegenteil von Playgirl sind.
Im Gegensatz zu den nackten vollbusigen Tatsachen, mit denen Maxim oder
Penthouse ganz an die Sexualfunktion des Mannes appellieren, ist die raffinierte
Verhüllung, in der Frauen in Elle oder Vogue inszeniert werden, höchst
erotisch. Als Mann habe ich nie verstanden, wie heterosexuelle Frauen
sich über ein-, zweihundert Seiten hinweg ausschließlich die
schönsten und jüngsten sexualisierten Geschlechtsgenossinnen
anschauen können. Als Mann kenne ich dagegen kaum eine erotischere
Bilderlektüre, während mich die softpornographische Zurschaustellung
von Silikonblondinen auf irgendwelchen Motorhauben stets gelangweilt hat.
Ein verhüllter, modisch inszenierter Frauenkörper ist für
mich tausendmal erregender als ein enthüllter, nackter. Die Vogue
ist - nicht zuletzt - eines der besten Magazine für erotische Fotografie.
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Kurz nachdem ich die Vogue vor einiger Zeit als Probeabo bestellte, befand
eine Bekannte, der ich davon erzählte, ihr sei die Zeitschrift zu
"abgehoben", zu "übertrieben". Das ist ein sehr präziser Hinweis
darauf, warum alle anderen Modezeitschriften der Vogue unterlegen sind.
Allegra, Brigitte oder Freundin gleichen den Ratgebern für Beziehungskrisen,
Büchern wie "100 Sex-Tipps für Frauen", "Warum Männer und
Frauen sich nicht verstehen". Sie sind die Fortsetzung von Bravo-Girl
im Erwachsenenalter. Das verstellt den Blick auf die eigentliche Information
dieser Illustrierten. Weil ich keine Frau bin und mich nicht dafür
interessiere, wie ich den neuesten Lidstrich am geschicktesten ziehe oder
ob ich in der kommenden Saison kurze oder lange Röcke tragen muß,
betrachte ich die Welt der Frauenzeitschriften als rein ästhetisches
Phänomen. Die Tatsache, daß die abgebildeten Versace-Kleider
real unerschwinglich sind, irritiert mich bei der Betrachtung nicht im
geringsten. Ich habe kein praktisches Verhältnis zu den vorgestellten
Kleidungsstücken, mich interessieren die Strömungen, die in
den Bilder und Texte verborgen sind - und die eingebettet sind in eine
Gesamtbotschaft, die hinter der Vogue steht. Eine auf die Mittelklasse
hinabgetunte Version der Modezeitschrift verstellt diesen Geist durch
den Filter des praktischen Nutzens. Die Vogue aber gibt Einblick in jene
Welt, die eben nicht in der Mittelklasse-Realität stattfindet, eine
Welt, die wie das Über-Ich unserer Gesellschaft ist.
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Kunst genießt einen paradoxen Stellenwert in diesem Kosmos. Sie
ist hoch angesehen, ein Gut der Repräsentation, das zugleich den
Nimbus des Fremden hat. Sie wird beäugt als das Andere, das die herrschende
Norm in Frage stellt, und ist dazu doch nur legitimiert durch gesellschaftliche
Anerkennung. Neben Sex und Erfolg ist "Rebellion" eines der Lieblingsthemen
der Vogue: "Rebellisch zu sein ist weder luxuriös noch böse,
sondern Ausdruck von Charakterstärke". Neben enfants terribles der
Modebranche, neben Galliano oder Gaultier, wurde in der Mai-Ausgabe 2002
der britische Autor Will Self vorgestellt: "Der rebellische Ex-Punk ist
eine nationale Berühmtheit." Mit seinem neuesten Roman "Wie Tote
leben", in dem er "vom Leben und der Langeweile nach dem Tod erzählt",
zog ein Thema in das Modemagazin ein, das dem auf Jugend, Verschwendung
und Ich-Rausch ausgerichteten Lebensgefühl der Vogue-Welt radikal
entgegengesetzt ist. In keiner anderen Zeitschrift habe ich so viel über
jene medizinische Forschung an der Ausschaltung unserer Vergänglichkeit
- die plastische Chirurgie also - gelernt wie in der Vogue mit ihrer Serie
über Schönheitsoperationen. Und nirgendwo wird die Feier des
Diesseitigen, die Bejahung von Luxus, Schönheit und Erfolg offener
und scham-loser betrieben wie hier. Die Vogue predigt den Himmel auf Erden.
Und nur in diesem Rahmen besitzt Kunst ihren Platz - genauso wie Rebellion:
als Katalysator unserer diesseitigen Ich-Kultur.
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Der Tod ist die einzige Größe, vor der die Geschlechter gleich
sind. Deswegen ist er weder in Männermagazinen noch Frauenzeitschriften
zu finden. Unsere Welt lebt vom Geschlechterunterschied (und dessen Inszenierung),
benötigt ihn für ihren Warenaustausch. Das gilt vor allem für
jene letzte noch immer unbezahlbare Ware: das Leben.
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Auf welche individuelle Weise möchten Sie sterben? Welche Wünsche
wollen Sie sich bis zu Ihrem Tod unbedingt noch erfüllen? Und warum?
Wird der Tod dann leichter? Wenn Sie Christ wären: Worauf würden
Sie verzichten, um im Jenseits glücklich zu sein? Und: Macht es im
Tod noch einen Unterschied, ob Sie als Mann oder Frau gelebt haben?
(Erschienen in "Unwürdige Lektüren", SchirmerGraf Verlag, München
2008;
zuerst in "Volltext", Januar 2003)
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