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Die Beschriftung Berlins
von Norbert Kron
Du hast den Videorekorder programmiert und fährst in die Mitte
der Stadt, wo sich die Menge trifft. Du zeichnest die abendlichen Sondersendungen
auf, um zwischen den hundertfach wiederholten Bildern wenigstens ein
paar zu finden, die dir so fremd sind wie damals, als du sie sahst.
Am Zoo nimmst du die S-Bahn, wie all die Jahre. Es ist einer dieser
neuen Züge, in die du steigst, mit den riesigen Panoramafenstern
und den hydraulischen Durchgängen, die die Wägen miteinander
verbinden. Du läßt dich auf einer der Sitzreihen an den Außenwänden
nieder, ein Schattenriß im Fensterausschnitt, und blickst in die
Tiefe des sich windenden Zuges, der den Biegungen der Bahntrasse folgt.
Wie die Stadt hinter der Fensterfront vorbeizieht, ist es, als säßest
du in einem rollenden Kino, über dessen Leinwand der zeitlupenhafte
Film der letzten Jahre läuft.
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Dort wo einst die Brache mit den Speditionsbaracken lag, stehen nun
die backsteinernen Kasernen der Bonner Beamten: eine künstliche
Einfahrt zu jenem Grenzland, auf dem sich die Republik ihr neues Zentrum
baut. Der Kanzleramtskubus: wie ein teutonischer Tempel zwischen den
Bäumen. Der renovierte Reichstag: schon halb verstellt von den
Betonfragmenten der Verwaltungsblöcke. Die Stadt verschwindet in
ihren Neubauten. Noch kannst du die kilometergroße Grube an der
Flußbiegung erkennen, aber schon füllt sich der Hohlraum,
Schicht für Schicht, mit den Trassen und Geschoßen des neuen
Fernbahnhofs.
Hier stoppt der Zug: als ob der Film genau an der Stelle angehalten
würde, von wo er projiziert wird, ein schwarzes Standbild vor der
erloschenen Lampe. Wenn du jetzt aussteigen würdest, könntest
du direkt in die Linse schauen.
Und dann läuft der Projektor wieder an, der Streifen flimmert weiter.
Es ist ein früher Nachmittag, mit tiefem Berliner Novembernebel,
und die Herbstsonne brennt sich als weiße Sonde durch den flachen
Horizont. Nein, nicht du sitzst im Kino und schaust auf den Film: Es
ist, als wärst du selbst der Film, als würdest du durch den
Projektor der Stadt laufen, ein Lichtpunkt, durch den die Geschichte
ihren Halogenstrahl schickt. Du gleitest von der Spule der Weststadt
hinüber auf die Spule der Oststadt, wo du aufgerollt wirst.
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Und da, kaum daß dein Bild erleuchtet worden ist, bemerkst du
die Schrift, die sich über all die Dinge zieht, die weißgravierten
Lettern auf deinem Auge, die sich über die Stadt legen. AVE schreibt
sie in sie ein, SON, in die Säulen der Universität oder, RAIZE,
die Kuppel des Doms. Als ob die Jahre Gravuren auf dem Zelluloid hinterlassen
hätten, Buchstabenspuren, die die Gegenwart beschriften.
Langsam gleitet der Film über die letzte Biegung. Mit den neuen
Zügen waren, von einem Tag auf den anderen, die Filzstift-Graffitis
verschwunden, die zuvor ausnahmslos Wände und Sitzbänke der
S-Bahnen überzogen. Die wild gescheckten Stoff- oder Plastikbezüge,
mit denen alle Züge, auch die alten, ausgestattet wurden, eigneten
sich nicht mehr als Schreibfläche der Schmierer. Doch nur einen
Tag später hatten sie jedes der Fenster mit ihren Signaturen zerkratzt,
hatten sich mit Glasschreibern, Frame für Frame, in das Stadtbild
eingeschrieben. Es ist der beschriftete Film, dessen Teil du bist, durch
den die Dinge lesbar werden.
Du steigst am Alex aus, trittst in die kalte Luft und verschwindest
in der Menge. Heute nacht, oder in den nächsten Tagen, wirst du
dir die Bilder zuhause auf Video anschauen. Du wirst auf keinem von
ihnen zu erkennen sein und bist doch auf ihnen enthalten.
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