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BILDERSTÜRMER

1 "Die Rückkehr"

Ein gläserner Regen setzte ein, als sie die Auffahrt zum erstenmal seit Wochen hinauflief, und in dem verhangenen Himmel über ihr verlor sich der Monolith wie eine der Nachrichten, die von ihm hinausgeschickt wurden.

 

Oben fand sie Victor an seinem Platz, als habe sie das Büro nur für einen Moment verlassen.

"Neue Schreibtische", ihr glitt ein Lächeln über die Lippen, "sie investieren in uns."

"In Schreibtische", er drehte sich herum. "Wer an den Dingern sitzt, ist ihnen egal."

Sie umarmten sich, setzten sich einander gegenüber, die Beine hochgelegt. Sie begann ihm von der Reise zu erzählen, von der Tuol-Sleng-Schule, die die Roten Khmer zu ihrer Folterkammer umfunktioniert hatten, und den Kindern in Siem Reap, die den übriggebliebenen Reis ihres Essens in kleinen Plastiktüten davonge­tragen hatten.

"Zeig mir deine Fotos."

Sie sah ihn an, sein ausgezehrtes, spitzes Gesicht, das noch spitzer, noch schärfer geworden zu sein schien.

"An einem Spätnachmittag - ich war zwei Tage lang durch die Ruinen von Angkor gelaufen und hatte die Kamera bereits in der Tasche verstaut - hielt der Fahrer auf der Rückfahrt an einem Tempel, den wir links liegen gelassen hatten. Mächtiger Bayon, monumentales Angkor Wat - Kultstätten von göttlicher Geometrie. Doch bewegender noch als diese fernöstlichen Kathedralen wirkten auf mich die mit dem Urwald verschmolzenen Ruinen von Ta Phrom, das Halbverfallene, das die Natur wieder eingenommen hat. Ich stieg fast allein voran, durch Gänge und Innenhöfe, vorbei an verblassenden Ornamenten und geköpften Buddhafiguren - während sich über mir Riesenbäume erhoben, die direkt aus den Dächern hervorwuchsen: In Jahrhunderten schienen ihre Wurzeln zum Boden herabgeflossen zu sein und hiel­ten nun die Ruinen in versteinerter Umklammerung.

Da, inmitten des Tempels, stieg hinter einer Mauer Rauch auf, ein unwirklicher Schleier, in dem die Sonne in den Baumkronen ihre Strahlen zeichnete. Das war der magische Moment der Reise. Ich nahm die Kamera heraus, sah mich nach dem richtigen Standort um, ich kletterte den Steinwall hinauf, arbeitete mich vor bis an seine Kante - doch kaum daß ich sie erreicht hatte, tauchte ein Mann hinter ihr auf, eine breitschultriger Wachtyp, der mir in gekautem Amerikanisch das Fotografieren untersagte. Ich richtete mich auf und blickte in den Hof zu seinen Füßen. Ein Film­set lag dort unten, zwei Dutzend Leute rannten hinter der Kamera herum, und ganz hinten in einer Ecke stand eine Nebelmaschine, vor der ein Kerl mit einem Fächer auf- und abwedelte. Der Aufpasser zischte, ohne meine Frage abzuwarten: 'Tomb Raider. The computer game'. Angelina Jolie pflückte eine weiße Blume von einem Steintor und ließ sie in den Staub fallen. Ich sah noch zu, wie sie die Einstellung ein paar Mal wiederholten, dann ging ich - ohne nach einem weiteren Standort für das Foto zu suchen."

In diesem Moment ging die Tür auf, und Maria kam herein, einen Stoß Papiere in der Hand, unter dem sich ihr Bauch als Kugel in den Raum wölbte.

 

2 "Ein gemeinsamer Nenner"

Am Samstag trifft Victor die anderen aus dem Sender im 103. Es laufen Oldies in der Lounge, an deren Wände Plattencover aus den 70ern und 80ern projiziert werden. Oldfield, Hendrix, Madness, das ganze Zeug. Robert und Maria setzen gemeinsam die Apollinaris-Flaschen an den Mund - während Nico und Heinrich, die Becksflaschen wie angewachsen vor dem Bauch, ihre Köpfe der Blondine hinterherbiegen, die durch das Volk von Multimediakünstlerinnen und Kulturwissenschaftsstudenten davonschwebt.

 

Jenny neigt sich zu Victor:

"Wäre das nichts für Dich?"

Victor verdreht die Augen:

"Ich hab genug von Abenteuern, Kompromissen, flüchtigen Beziehungen. Ich suche nach einer Frau, bei der ich mich nicht verstellen muß. Offen gestanden, denke ich wieder öfter an Maria. Nicht daß ich glauben würde, die Sache hätte anders laufen können. Aber die Jahre davor bilden ein Muster, das mir nicht mehr aus dem Kopf will."

In diesem Moment schreit Nico (und seine Stimme schraubt sich ungläubig in die Höhe): "Hey - ist das da drüben nicht - Mehmet Scholl?"

Alle starren jetzt zu dem Grüppchen hinüber, in dem ein dunkelhaariger Typ steht, blaues Sweatshirt, Schlabberhose, Hakennase.

"Unmöglich", winkt Heinrich ab, "die Bayern haben heute zuhause gespielt."

"Außerdem ist der Scholl viel athletischer."

"Wer soll das sein", fragt Jenny.

Doch sogar Robert mustert den Verdächtigten und dreht dabei an seinem Ehering.

"Die Ähnlichkeit allerdings - verblüffend."

Nico stromert beiläufig davon, dreht eine Runde in der Menge und kehrt mit vorwitzigem Strahlen zurück:

"Ich aber sage euch: Er ist es doch."

Victor schaut Jenny an, die die Augenbrauen in die Höhe zieht, und sagt:

"Ehrlich gesagt bin ich richtig verzweifelt. Ich habe diese Single-Scheiße so satt. Ich denke darüber nach, eine Reise wie du zu machen. Vielleicht hilft es was, wenn ich mal für längere Zeit rauskomme. Der Job ist nur noch eine einzige Nerverei. Ich bin fast schon so weit, ihn hinzuschmeißen."

In diesem Moment jault das Gitarren-Vorspiel von "Foxy Lady" auf, und Robert tritt in die Mitte der Runde, so daß sein Gesicht genau den harten Strahl des Spots abgekommt:

"Die Frage, Leute, ist nicht, ob dieser Typ wirklich Mehmet Scholl ist - oder wie zum Teufel er hierher kommt. Sondern: Gibt es etwas, was er und wir gemein haben? Wenn es möglich ist, daß er hier steht, so unauffällig wie ein Makromarkt-Verkäufer, der sein gelbes Firmenhemd ausgezogen hat und nun im Nachtleben rumhängt, dann ist es auch möglich, daß es einen gemeinsamen Nenner zwischen ihm und den anderen hier gibt. Einerseits ist es absurd, unbegreifbar, daß dieses Bürschchen da in unserem Alter, das von fünf Meter von uns wegsteht und auch nicht breiter ist als unser niedlicher Nico, Multimillionär ist. Andererseits können wir fragen: Wenn er dort steht - haben er und wir möglicherweise ein gemeinsames Ziel?"

Als Robert diabolisch in die Runde äugt, sieht Victor hinter ihm, daß Mehmet Scholl verschwunden ist.

"Kein Weg", blökt Heinrich, "ich hasse die Bayern."

Und Jenny legt den Kopf nachdenklich in den Nacken:

"Hmm. Laßt uns erstmal zusammen nach hinten gehen, tanzen."

 

3 "Der Kinderwunsch"

Jenny blätterte die Illustrierte durch. Sie schlug die Seiten um, als sei jede von ihnen eine Last mehr, die sie sich auflud. Je weiter sie vordrang, desto mehr sehnte sie sich nach dem Punkt, an dem das Weiterblättern zu einem Ende käme.

Was zum Teufel wollte sie? Seit Wochen fragte sie sich nichts anderes. Wollte sie weiter diese Halbstunden-Reportagen machen für Redakteure, die für ihr Anliegen gar nichts übrig hatten? Wollte sie sich endlich ganz auf ihr Filmprojekt konzentrieren? Oder wollte sie etwa ein Kind wie Maria? Sie spürte die Unzufriedenheit, die wie ein nasses Kleid an ihr hing, aber sie hatte nichts Trockenes, was sie stattdessen hätte anziehen können.

 

Und dann geschah es wirklich. Wie eine Kindheitserinnerung, die einen aus dem Schlaf riß, traf sie der Anblick des Bildes, ein Urbild, das sie lange vergessen hatte. Das Wohnzimmer, in dem sie saß, begann sich violett zu färben. Heinrichs Besessenheit, die Bücher der Größe nach zu ordnen. Seine Besessenheit, sich im Raumteilerregal Handapparate zusammenzustellen.

War ein Mensch nicht das, was er wollte? Sie hatte noch immer, mit 30, nicht die geringste Klarheit darüber, was dies war: ihr Ziel. Jedes Wollen war mit einem Zweifel behaftet, und worauf sich ihre ganze Sehnsucht richtete, war ein Ziel zu finden, das ihre Heimat wurde.

Dieses Haus am Meer. Sie sah die Holzdielen, die zu der Veranda führten, und die Couch mit der Stehlampe. Seit Kindheitstagen hatte sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, nichts Anderes mit sich herumgetragen als den Wunsch nach solch einem Haus. Und im selben Moment, wo sie dies begriff, wußte sie, daß Heinrich recht hatte: was für eine kapitalistische Lüge.

Sie schlug die Zeitschrift zu und warf sie auf den Boden. Die Struktur der Sehnsucht, sagte sie sich, ist sexueller Natur: ein Begehren, das nicht von einem Objekt erzeugt wird, sondern nach einem Objekt sucht, in dem sie sich spiegeln kann. Prousts Albertine: eine Verwechslung, die zum Liebesfantasma wird. Aber war sie die Begehrende oder die Begehrte?

Sie wollte endlich beginnen. Sie wollte endlich an jener Veranda stehen, von der aus der Horizont sichtbar wird. Dort, dort hinten, bin ich. Und jetzt gehe ich los.

 

4 "Blut und Boden"

Als er am Morgen ins Wohnzimmer kommt, ist der Fußboden von Scherben übersät - es sind die Scherben der Zierkugeln, die in der Glasschale auf dem Regal gelegen haben - doch die Schale steht nach wie vor an ihrem alten Ort, ist auf unerklärliche Weise in der Mitte entzwei geborsten, so dass nur die Hälfte der Kugeln auf den Boden geschlagen ist, während die anderen nach wie vor auf dem Regal glänzen, dunkelblau.

 

In derselben Nacht ist Victor aufgewacht und hat den Geruch von Verbranntem wahrgenommen - als ob etwas in der Wohnung, im Hinterhof brenne -, aber so sehr er auch in der Dunkelheit herumblickte, nirgendwo war der Schein von Feuer zu sehen.

 

Er geht ins Bad, dreht den Hahn auf, und der Strahl ist wie von Blut gefärbt - ein leichter rostroter Schimmer, der ihn sofort daran erinnert, wie damals das Wasser, als er sich in den Handballen geschnitten hat, beim Abspülen der Wunde dunkel im Waschbecken kreiselte - und nun ist es, als komme verdünntes Blut aus dem Hahn, als blute es aus der Leitung.

 

5 "Die Versorgungslücke"

Victor hat in der letzten Nacht mit einer Frau geschlafen. Er wollte nicht mit ihr schlafen. Er hat sie in einer Bar kennengelernt, eine Schweizerin, die ihn anschliessend mit zu sich nahm. Sie gefiel ihm nicht, aber er schlief trotzdem mit ihr.

 

Victor kommt nach Hause, nimmt eine der Schmerztabletten, die mit süsslichem Prickeln auf der Zunge zergehen. Das Stechen in seinem Unterbauch nimmt in pulsierenden Wellen zu, eine Art Hohlschmerz, dessen Ursache der Arzt nicht zu lokalisieren vermag. Es ist neun Uhr morgens. Er putzt sich die Zähne, ruft in der Redaktion an und nimmt die Jeansjacke von der Garderobe. Die Redakteurin ist noch nicht da.

 

Die Beraterin in der Bank hat ihm eine Aufstellung gemacht, welche Vorsorgemassnahmen zur Absicherung seiner Existenz nötig sind. Er ist müde und die Materie unüberschaubar. Der Fondssparplan. Die Berufsunfähigkeitsversicherung. Die Versorgungslücke. Sein durchschnittliches Bruttoeinkommen kann er der jungen Frau nur vage benennen. Im letzten Jahr waren es 24.000 Euro. Er hofft, dass es endlich mehr wird in den nächsten Jahren. Aber er kann froh sein, wenn es beim Gehabten bleibt.

 

Alles hat sich wieder gegen ihn zu wenden begonnen. Es regnet, als er die Bank verlässt. Er ist allein, der Beziehungswunsch steigert sich ins Unermessliche. Es ging nicht mehr mit Maria - aber seit der Trennung geht es genauso wenig. Vom Auto aus ruft er in der Redaktion an. Die Redakteurin ist jetzt in einer Besprechung, ihr Stellvertreter weiss nicht bescheid. Kaum dass er dem Desaster entronnen zu sein schien, holt es ihn wieder ein, wie ein Fluch, der an ihm hängt.

 

Er parkt den Wagen im Parkdeck des Makromarkt. Das Neonlicht wirkt düster auf ihn, schmutzig wie das Licht in der Bar von gestern nacht. Er hat mit der Frau geschlafen, obwohl es ihm wehtat. Es war, als ob er sich einen Pflock in sich selbst hineinramme, als ob er seinen Leib von innen durchbohre. Er hätte es sein lassen können, sagt er sich, hat es für sie getan, um sie nicht zu verletzen. Aber es stimmt nicht. Er hat es getan, weil es keine Alternative gab.

 

Die Beraterin in der Bank sagte, sie müsse die Versorgungslücke berechnen, die sich bei ihm im Alter auftue - jenen durch private Vorsorge auszugleichenden Fehlbetrag, der zwischen seinem jetzigen Nettogehalt und der zu erwartenden gesetzlichen Rente entstehe. Victor lächelt. Seine Versorgungslücke beläuft sich auf das Ganze seiner freiberuflichen Existenz.

 

Das ISDN-Verlängerungskabel, das Victor sucht, gibt es nur in den Längen von fünf oder fünfzehn Meter. Als Victor an die Kasse tritt, weiss er, dass er selbst der Grund seiner Mangelexistenz ist. Es ist, als ob er den Schmerz selbst herstellen würde, als sei es sein Seinsprodukt, die moralische Quelle seines Lebens. Das ist seine Paradoxie: dass seine Existenz auf dem Mangel aufbaut, dessen Bekämpfung ihn antreibt. Nie findet er, was er sucht. Und wenn er erlangt, was er erstrebt, fühlt er sich schlecht.

 

Zuhause greift er zum Hörer, ruft die Redaktion an. Er muss die Verhängnisstruktur ändern, aber er weiss, er kann es nicht allein. Die Redakteurin sagt: Sie habe den Auftrag bereits an einen anderen Mitarbeiter vergeben. Victors Versorgungslücke ist um 450 Euro geschrumpft. Er nimmt noch eine Tablette, wählt die Nummer von Robert. Robert sagt: Das Kind ist da. Delfi.

 

6 "Delfi"

Sieh die Hand, Maria, die nach dem Licht greift. Es ist der Morgen, an dem die fernen Einheiten sich formieren, wir stehen am Fenster und blicken in das Leuchten, das sich durch den Nebel bohrt.

 

Zwei Wochen, Robert, und der Herbst beginnt zu fallen. Wie warm der kleine Kopf, das Leichtgewicht, das noch die Augen vor dem Selbst verschließt. Sie kam zu spät und doch noch früh genug.

 

Was läßt sich mehr tun, als ein Kind zu zeugen? Ein Kind erziehen? Ich kann die Nachrichten nicht mehr sehen. Nur für sie, Maria, will ich noch Blicke haben, die Hände, die wir handeln machen.

 

Sie gähnt, sie hustet, scheint gar zu lachen. Ein Tag, und sie scheint das meiste schon zu wissen. Was, Robert, ist bei alledem ein Buch? Laß sie uns lesen lehren, sie wird uns zeigen, wie man geht. Willkommen, Delfi. Auf ins Licht.